Im Gespräch mit Kirsten Reko
Ein persönliches Selbstinterview, das Einblicke in ihr Buch
"Stimmen. Ein Leben, das sich langsam verschiebt" gibt.
Kommen wir zu Ihrem Buch. Worum geht es in „Stimmen. Ein Leben, das sich langsam verschiebt.“?
Es ist eine Tatsachenerzählung aus der Sicht der besten Freundin, die miterlebt, wie sich das Leben eines geliebten Menschen langsam verändert. Das Besondere: Die Erzählung wird immer wieder durch Einschübe der Betroffenen selbst ergänzt. So entsteht ein vielschichtiger Blick auf eine Krise, die sich leise ankündigt und langsam die gemeinsame Realität verschiebt.
Warum diese Perspektive?
Weil sie selten ist, und weil ich sie fühle. Über psychische Krisen wird oft aus der Sicht der Erkrankten geschrieben, aber kaum aus der Sicht der Menschen, die daneben stehen, nachts ans Telefon gehen, mitfahren, aushalten, zweifeln, hoffen.
Die Freundin sieht vieles und versteht nicht alles. Die Einschübe der Betroffenen zeigen genau das: zwei Wahrnehmungen, die sich voneinander entfernen.
Was macht die Erzählung so besonders?
Die Kombination aus beiden Stimmen. Die Freundin beschreibt die äußere Realität, die Betroffene die innere.
Diese Gegenüberstellung macht sichtbar, wie unterschiedlich dieselbe Situation erlebt wird und wie schwer es ist, eine Wahrnehmungskrise zu erkennen, wenn man nur eine Seite sieht.
Wie sind Sie dazu gekommen, über dieses Thema zu schreiben?
Durch eine reale Begegnung. Ich habe eine Frau begleitet, deren Wahrnehmung sich veränderte, und ich stand daneben, ohne zu wissen, welche Unterstützung richtig ist.
Ihre Worte, ihre Angst, ihre innere Welt haben mich tief berührt. Die Einschübe sind aus Gesprächen entstanden, aus Momenten, die sich in mir festgesetzt haben. Und die Person hat mir selbst vorgeschlagen, ich solle ein Buch über ihre Erkrankung schreiben. 'Schreib doch mal über mich und meine Störung.'
Wie haben Sie die Balance zwischen Nähe und Distanz gefunden?
Indem ich beiden Stimmen Raum gegeben habe.
Die Nähe entsteht durch das Zuhören, durch das Ernstnehmen der inneren Realität der Betroffenen. Die Distanz entsteht durch die Perspektive der Freundin, die versucht zu verstehen, ohne zu vereinnahmen. Die Einschübe waren dabei entscheidend: Sie zeigen, was die Freundin nicht sehen kann.
Gab es Momente, in denen Sie gezweifelt haben, ob Sie diese Geschichte veröffentlichen sollten?
Oh ja.
Weil beide Perspektiven verletzlich sind. Die Freundin ist überfordert, die Betroffene ist verunsichert. Aber gerade deshalb wollte ich diese Geschichte erzählen: Psychische Krisen betreffen nie nur eine Person, sie betreffen ganze Beziehungen.
Wie haben Sie die Sprache gewählt?
Reduziert, klar, literarisch.
Die Freundin spricht relativ nüchtern, beobachtend. Die Betroffene spricht fragmentarischer, unmittelbarer. Diese sprachliche Spannung trägt das Buch.
Was wünschen Sie sich, dass Leser*innen nach der Lektüre mitnehmen?
Ein Verständnis dafür, wie schwer es ist, jemanden durch eine Krise zu begleiten.
Und wie wichtig es ist, Grenzen zu erkennen, die eigenen und die des anderen. Viele Angehörige geraten in die Gefahr der Selbstaufgabe, weil sie glauben, alles allein halten zu müssen. Ich wünsche mir, dass Leser*innen sehen: Helfen braucht Achtsamkeit auch, und vor allem, mit sich selbst.
Wie vermeiden Sie Schuldzuweisungen oder Vereinfachungen?
Indem ich beide Frauen nebeneinander stehen lasse. Die Freundin ist nicht perfekt. Die Betroffene ist nicht schuld.
Beide sind in einer Dynamik gefangen, die größer ist als sie selbst. Und ich habe versucht nicht zu bewerten.
Gab es Szenen, die besonders schwer zu schreiben waren?
Ja, vor allem jene, in denen die Freundin Hilfe geben will, aber nicht weiß, ob sie richtig handelt. Und jene, in denen die Betroffene beschreibt, wie sich ihre Realität verändert.
Diese Momente sind schmerzhaft, weil sie zeigen, wie tief die Krise reicht und wie schwer es ist, sich selbst als hilfsbedürftig zu sehen. Natürlich hat mich das selbst extrem betroffen gemacht, sich damit so intensiv auseinanderzusetzen.
Was möchten Sie mit dem Buch erreichen?
Ich möchte Verständnis schaffen für Betroffene und für Angehörige.
Für das Unsichtbare, das Leise, das Schwere. Für die Freundschaften, die tragen, und die, die daran zerbrechen. Und für die Frage, wie man jemanden liebt oder lieb hat, der sich langsam von der gemeinsamen Realität entfernt.
Ist das Buch auch für Angehörige geschrieben?
Ja, vielleicht sogar besonders.
Es zeigt, warum gut gemeinte Ratschläge oft ins Leere laufen. Warum „Geh doch“ oder "Bring sie doch weg" keine Lösung ist. Und warum Geduld, Präsenz und Empathie so viel wichtiger sind als schnelle Antworten. Und das Verständnis, dass Betroffene eine klare Struktur benötigen und nicht mal eben spontan ins Wochenende verreisen können.
Wie passt dieses Buch in Ihre Gesamtarbeit als Autorin?
Es ist ein stilles Buch, aber ein notwendiges.
Ich schreibe über menschliche Grenzerfahrungen und Stimmen zeigt eine davon. Ich sage immer: 'Ich schreibe zwischen den Welten' und diese Geschichte gehört zu einer Welt, die im Schatten liegt. Sie ergänzt meine anderen Werke, weil sie zeigt, wie tief menschliche Erfahrungen reichen und wie wichtig es ist, ihnen Raum zu geben.
Welches Feedback wünschen Sie sich von Leserinnen und Lesern?
Ich wünsche mir, dass Leser*innen bereit sind, hinzusehen.
Nicht nur auf die Krise, sondern auf die Beziehung. Und dass sie verstehen, wie wichtig es ist, Menschen in Krisen begleitend, nicht überfordernd, zu unterstützen und selbst Hilfe anzunehmen, wenn die eigene Grenze erreicht ist.
