Leseprobe
Die Bärenmorde
ein Thriller
von Kirsten Reko
Prolog
So halte ich mich im Schatten, verborgen in den dunklen Tiefen des Hauseinganges. Mein Verlangen führt mich hierher. Es ist ein großer Durst, und es ist mir einerlei, wer ihn stillen wird. Die Scheinwerfer eines Automobils lassen den Asphalt in blau-weißem Schimmer erglänzen, und in mir keimt Hoffnung auf. Das Gefährt verringert seine Geschwindigkeit und kommt zum Stehen. Ein Mann steigt aus. Ich hole tief Luft und atme den Geruch des Mannes ein. Er ist nicht der einzige Mensch in der Gegend, aber der, der mir am nächsten ist. Sein Geruch ist angenehm und nicht aus einem ungebührlichem Wirtshaus kommend. Er riecht untrüglich nicht nach Branntwein und auch nicht nach Rauchwaren. Sein Blut wird rein sein. Meine Kehle brennt vor Durstigkeit. Die Ungeduld treibt mich voran. Er nähert sich. Ausgezeichnet. Seine Aufmerksamkeit richtet sich auf seine Hosentasche, in der er nach etwas sucht. Womöglich sein Haustürschlüssel. Meine Fangzähne sind bereits ausgefahren und die Spitzen schmerzen unselig. Der ahnungslose Narr. Entschlossen stoße ich mich von den Gehwegplatten unter meinen Füßen ab und lande geschmeidig hinter ihm. Das Geräusch meiner Landung ist zu leise, als dass er es bemerken könnte. Ah, wie meine Kehle brennt. Ich beiße die Zähne zusammen, um keinen Laut des Schmerzes von mir zu geben. Ich will eben nach ihm greifen, ihn in eine dunkle Ecke treiben und mich an ihm laben, als ein warnender Geruch meine Sinne erfüllt. Ich erstarre. Ein anderer Jäger. Unvermittelt knurre ich warnend, es ist Instinkt, ich kann es so rasch nicht unterdrücken. Damit ist die Beute gewarnt. Der Mensch verharrt und schickt sich an sich furchtsam umzublicken, als ich ihn bereits am Schopfe packe und ihn hinüber zur Wand stoße. Ich stelle mich mit dem Rücken dagegen, in Verteidigungshaltung, um gewappnet zu sein. Ich kann die Hitze unter seiner Haut spüren und das Pochen seines Pulsschlags ganz dicht unter der Oberfläche hören. „Psst“, zische ich und zwinge ihm meinen magischen Blick auf. „Still. Du erinnerst dich an nichts. Du bist dem Automobil entstiegen und sogleich zum Eingang geschritten. Du hast nach deinem Schlüssel gesucht, ihn gefunden und die Tür geöffnet. Eine Hornisse ist auf dich gefallen und hat dich gestochen. Es schmerzt, ist jedoch kein Grund zur Besorgnis. Du warst aufgebracht, hast um dich geschlagen und das Untier schließlich erschlagen. Es ist tot und kann Dir nichts mehr anhaben. Du begibst dich nun in deine Heimstatt und kühlst die Wunde. In den nächsten Tagen wirst du einen Rollkragen tragen, damit niemand deine Wunde entdeckt. Von mir hast du keinerlei Kenntnis, keinerlei Erinnerungen, keinerlei Befürchtungen“, gebe ich ihm ein und er nickt folgsam. Dann endlich durchtrennen meine Zähne seine Haut. Ich vernehme noch das Gurgeln von Luft und Blut und ein kleines, leises Stöhnen. Das Blut ist warm und süß. Es lindert das Feuer in meiner Kehle, lindert die nagende, brennende Leere in meinem Magen. Ich sauge und schlucke und nehme alles andere nur undeutlich wahr. Ich achte sorgsam darauf, dass ich nicht zu viel nehme. Es ist äußerst betrüblich, dass sie nie genug Blut für mich haben. Ich lasse also von ihm ab, nicke ihm aufmunternd zu, als er nach dem Schlüssel in seiner Tasche greift und die Tür öffnet. Er hat mich bereits vergessen und taumelt ins Innere seiner Heimstatt. Ich höre noch, wie er wilde Flüche wegen der Hornisse, die ihn gestochen hat, ausstößt. Ich lächle. Es ist so leicht mit ihnen. Nur eines ist lästig. Mein Körper verlangt sein Recht auf den Inhalt von mindestens einen Menschen in jeder dritten Nacht. Da ich mein Wort gab niemanden mehr zu töten, vermag ich nicht alles zu nehmen. Ich sehe mich daher genötigt mein Nachtmahl aufzuteilen. Es ist lästig, aber unumgänglich. Die Vorspeise ist genommen. So werde ich mich jetzt zum Hauptgericht begeben. Die Gute hieß Sandra und was sie anbelangt, erwartet sie in Bälde meinen Heiratsantrag. Ich bin nicht unzufrieden, fürs Erste. Eine kaum wahrnehmbare Bewegung zu meiner linken erregt meine Aufmerksamkeit. Ein Augenpaar fixiert mich. Ich halte den Atem an und tue mein Bestes, um einen klaren Kopf zu behalten. Ein anderer Vampir ist in meiner Stadt. „Zeigt euch sofort!“ rufe ich ihm entgegen. Da, wieder eine Bewegung im Schatten, die nur Vampiraugen erfassen können. „Ich beanspruche diese Stadt für mich!“ fordert er mich in aller Dreistigkeit heraus. Er wirft mir den Handschuh hin, was einem Fehdebrief gleichkommt. Verblüfft blicke ich wieder auf, doch er ist bereits von dannen. Fürs erste. Unsere Wege werden sich wieder kreuzen, in der nächsten Nacht, oder einer folgenden. Es wird erst zu Ende sein, wenn einer von uns getötet wird. ‚Zeit, die Wölfe an unser Bündnis zu erinnern.’ Ich lächle eisig.
31. Oktober Johann Ernst III schob die Hände tief in die Taschen seines edlen Wollmantels und setzte sich auf eine der Bänke aus Holz und Metall, die am Weg entlang des Stadtparks standen. Ein kalter, feuchter Wind strich um seinen ebenso kalten Körper, hob tote Blätter vom Boden und wirbelte sie hier und da in einem säulenartigen Tanz auf. Seine Augen waren hellblau und so klar, dass sie beinahe wässrig wirkten. Vor allem jetzt, da sie trübsinnig unter gekräuselten Brauen lagen. Seine Lippen waren voll und seine Kinnpartie, die er trotzig empor streckte, dominant. Er wusste, dass etwas Unmögliches vor ihm lag. Ein anderer Vampir war in sein Revier eingedrungen, mehr noch, beanspruchte sein Revier, und dieser nächtliche Jäger war älter und folglich stärker als er. Johann war schon zuvor von Feinden bedrängt worden, und obwohl er kein Krieger war, hatte er sie besiegen können, durch List und Tücke. Wenn er dem anderen Vampir gegenübertrat, trat er damit dem Tod gegenüber. Er hatte nie wirklich geglaubt sterben zu müssen, nicht einmal, als Sophia Augusta, seine Erschafferin, sein menschliches Leben beendete. Er war ein Vampir und damit unsterblich. Doch jetzt, zum ersten Mal seit dreihundertsechsundvierzig Jahren, sah er sich einem Gegner gegenüber, dem er unterliegen könnte. Die Frage war, warum sich der Eindringling nicht einer offenen Konfrontation stellte? Was hielt ihn zurück? Die einzig mögliche Antwort schien Johann, dass das Gerücht seines Bündnisses mit dem ansässigen Werwolfsrudels die Runde gemacht hatte, gleichwohl er selbst nicht wusste, wie stark dieses Bündnis tatsächlich war. Er war ihnen zu Hilfe geeilt, um gegen den Geheimbund anzugehen, einer Sekte, die von der Existenz der Spezies Werwolf und Vampir wusste. Er hatte sich an dem Weibe des Werwolfs nährend dürfen und daraufhin einen der Werwölfe gerettet, woraus eine Art Übereinkunft erwuchs. Johann kam zu dem Schluss, dass einzig darin die einzige Chance seines Fortbestehens lag. ‚Die Frage, die sich stellt, ist: wie damit umzugehen ist?’ murmelte er halblaut vor sich hin. Dies war eine gewichtige Frage, denn er, der unsterbliche Vampir, war stets auf sich allein gestellt und hatte nie gelernt, wie man sich in einem Rudel oder in einem Team verhielt. Langsam zog sich ein Lächeln über seine Züge, da er eine Entscheidung getroffen hatte. „Nun, kein Geplänkel. Ich habe diesem Eindringling die Bedeutung, gegen mich zu intervenieren, zu verdeutlichen!“ Voller Tatendrang sprang Johann auf, den Kopf hoch erhoben und die Augen funkelnd. Als er durch die Nacht streifte sagte er sich immer wieder: „Ich bin von hoher Geburt! Ich entstamme altem Adel! Ich bin ein Vampir! Ich werde mich gewiss nicht verstecken. Ich werde den Kampf aufnehmen, und ich werde obsiegen! Das ist gewiss.“ Entschlossen ging er über die Straße auf den Irish Pub zu, den er für sein Vorhaben ausgewählt hatte. Im Inneren des Pubs war es laut und verraucht, die Tische zu klein, um nützlich, die Stühle zu schmal, um bequem zu sein. Alles war verklebt und verqualmt und wirkte wenig einladend. Das Bier war schal und billig, die Gläser mit den harten Getränken enthielten zu viel Eis oder waren verwässert und die Bedienung unscheinbar und beliebig. Johann setzte einen Fuß über die Türschwelle, blieb stehen und musterte die Menge aus leicht zusammengekniffenen Augen. Der Geruch so vieler Menschen, das Schlagen so vieler Herzen, das Pulsieren der verschiedensten Blutgruppen weckte seinen Hunger und drohte beinahe den Mörder in ihm freizusetzen, doch der Vampir hielt sich zurück. Entschlossen schritt er voran. Die Menge teilte sich wie von selbst, um ihn durchzulassen. „Für wen hält der sich?“ „Ich sage dir, dass ist…“, murmelte es hier und da hinter ihm, doch er kümmerte sich nicht darum. Er hatte längst sein Ziel anvisiert und blieb unmittelbar vor dem Barmann stehen. „Seid ihr der Eigner dieses Etablissements?“ „Hä?“ verstand der Mann hinter der Theke nicht und Johann hatte seine Entscheidung was ihn anbelangte sofort getroffen. „Der Eigner! Wo finde ich ihn?!“ wiederholte er. Der Mann nickte und deutete mit einer Kopfbewegung ans Ende der Theke. Johann taxierte den Mann, der einen grauen Tweedanzug trug und trat dann an ihn heran. „Wir haben Angelegenheiten von äußerster Dringlichkeit zu disputieren, O’Brian“, sprach er ihn unumwunden an. Eigentlich hatte der Mann irischer Abstammung den Fremden zum Teufel schicken wollen, doch da war ein seltsamer Zwang, der seine Lippen sagen ließ: „Gehen wir in mein Büro.“ Die beiden Eckzähne, die eine Spur länger als normal zwischen Johanns geöffneten Lippen auftauchten, konnte nur O’Brian sehen. „O’Brian, ich bin erstaunt euch hier sichtlich zufrieden mit einer Existenz in diesem Gemäuer vorzufinden“, schüttelte der Vampir abfällig über den schlechten Zustand des Lokals den Kopf. O’Brian starrte ihn verständnislos an, denn er hatte seit längerem schon keine Maus oder gar eine Ratte gesehen. Sein Verstand war träge. Er war wie gelähmt, schien gefangen im Blick seines Gegenübers zu sein. „Ich wünsche dieses Gasthaus zu erwerben, so dass ihr frohgemut anderenorts eine behaglichere Zukunft zu beginnen vermögt“, wandte Johann schamlos seine Macht der Suggestion an. Er wollte dieses Lokal haben, denn er benötigte einen Stützpunkt von dem aus er diesen Krieg zu koordinieren vermochte. Der Besitzer einer Lokalität war eine perfekte Tarnung, die, so hoffte er, auch noch einen finanziellen Gewinn abwerfen würde. Alles ganz legal, wie er es dem Rudel zugesagt hatte. Die Bar würde ein oder zwei Nächte geschlossen bleiben, da er, der neue Besitzer einige Renovierungsarbeiten vornehmen ließ. Mit der Neueröffnung würde dann eine ganz neue Ära für das O’Brian anbrechen, das war zumindest Johanns Bestreben. Lächelnd holte er einen Kaufvertrag aus der Innentasche seines Mantels, den er bereits vorbereitet hatte. O’Brian würde keine Schwierigkeiten machen. Noch während O’Brian unterschrieb, wusste Johann, dass er in diesem Krieg nicht der Einzige war, der bereits einen Plan hatte.
1. November „Peters!?“ Mark erwischte sein Handy erst nach dem sechsten Klingeln. Die Stimme des Ermittlers klang heiser. Ihm war deutlich anzuhören, dass er aus dem Tiefschlaf kam. „Verdammt wo steckst du? Ich versuche dich schon seit über einer Stunde zu erreichen. Wir haben hier eine ziemlich übel zugerichtete Leiche. Komm besser her und sieh dir das an.“ Mark setzte sich auf und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. „Junge, bist du das? Wie spät ist es?“ Kolja Rostow war seit einer Woche Mark Peters neuer Partner. Er war ihm zugeteilt worden, nachdem sein bisheriger, langjähriger Partner Karl Brander im Einsatz gestorben war. Karl war mit allen Ehren bestattet worden. Sein Mörder war bei dem großen Brand selbst ums Leben gekommen, so lautete zumindest der offizielle Bericht, den Mark abgegeben hatte, auch wenn er es besser wusste. „Es ist halb elf, verdammt. Der Alte will, dass wir das übernehmen, und ich kann nicht länger für dich lügen. Ist eine ziemliche Sauerei hier.“ Mark blickte sich in dem kleinen Zimmer um. Es war noch immer stockdunkel, doch die Anzeige seiner Digitaluhr zeigte, dass Kolja Recht hatte. „So ein Mist, es ist Sonntag.“ Dann seufzte er. „Bin schon unterwegs. Gib mir die Adresse.“ Nach dem Telefonat ließ er sich keuchend in sein Kissen zurückfallen. Wieder fuhr er sich über das Gesicht, um die Müdigkeit zu vertreiben, als sich neben ihm etwas regte. Sina. Er konnte in dem abgedunkelten Raum nicht viel von ihr sehen, doch er wusste auch so, wie schön sie war. Noch immer konnte er kaum glauben, dass sich eine solche Frau für ihn interessierte. Sie war einfach wunderbar und unglaublich attraktiv. Außerdem kam sie aus gutem Hause, um nicht zu sagen, ihre Familie war stinkreich und sie entstammte dem guten und alten Geschlecht der Werwölfe. „Musst du los?“ murmelte sie schläfrig mit einer Stimme, die auch müde sexy klang. Mark lehnte sich zu ihr hinüber, schob ihr langes, schwarzes Haar beiseite und küsste ihre nackte Schulter. „Ich fürchte ja. Schlaf weiter.“ Im Bad, in dem keine Rollläden angebracht waren, stach ihm das Tageslicht ins Auge. Entschlossen schaufelte er sich ein paar Hände kaltes Wasser ins Gesicht und blickte sein Spiegelbild an. Sein Blick wanderte von seinen hellen Augen zu seinem Kinn. Dann neigte er den Kopf, um seine Halsbeuge zu betrachten. Wie immer fiel es ihm schwer die Narben nicht mit seinen Fingerspitzen abzutasten. Es waren eigentlich mehr zwei kleine Einstiche, die jedoch die Größe von Stahlnägeln hatten. Das sich verhärtende Gewebe an seinem Hals hatte er mittlerweile durch das Abtasten jeden Millimeters auswendig gelernt, als wäre es Blindenschrift. Seine hellen Augen wirkten matt. Seine Haut war blass, das Kinn unrasiert. Keine Zeit mehr für eine Rasur, aber für eine schnelle Dusche, die er mit dem Zähneputzen verband. Das machte er öfter, um Zeit zu sparen. Danach fuhr er sich mit der Hand, in der er etwas Gel hatte, durch die kurzen braunen Haare. Fertig. Als er wieder ins Schlafzimmer zurückging, knipste Sina die kleine Nachttischlampe an. „Hey, musst du sofort los oder hast du noch etwas Zeit?“ hauchte sie verführerisch, während sie sich betont lasziv in seinem Bett rekelte und ihm einen Blick auf ihr langes, wohlgeformtes Bein werfen ließ, dass sie unter der Decke hervorstreckte. „Tut mir leid.“ Mark ging zum Schrank und nahm sich eilig ein paar Sachen heraus, die er sich überstreifen konnte. „Bist du sicher, dass du nicht bleiben kannst?“ fragte Sina unbekümmert und schlug mit einem Ruck die Decke von ihrem nackten Körper. Sie hatte ausgeprägte Kurven, herrlich geformte, feste Brüste und eine sanft schimmernde, weiche Haut. Einen Augenblick stand Mark unschlüssig vor ihr, biss sich jedoch auf die Lippen, atmete tief durch und schüttelte den Kopf. „Und führe mich nicht in Versuchung.“ Dennoch betrachtete er sie ungeniert. Er spürte, wie sein Körper augenblicklich auf ihren Anblick reagierte, doch er war bereits angezogen und startklar. „Der Junge wartet. Es gibt was zu tun.“ „Okay“, sagte sie und zog die Decke wieder über sich. „Hey, du weißt, wenn ich könnte, würde ich den ganzen Tag mit dir im Bett verbringen.“ Er trat jetzt zu ihr und beugte sich über sie, um ihr einen Abschiedskuss zu geben. Dabei vermied er es jedoch, sich zu ihr zu setzen. Er kannte das schon. Sie schaffte es immer wieder, ihn um den Finger zu wickeln, und er musste jetzt wirklich los. „Pass auf dich auf“, sagte sie zärtlich und fuhr ihm dabei mit dem Finger über die Lippen, ehe sie erneut die Augen schloss um den versäumten Schlaf der letzten Nacht nachzuholen. Seufzend schlich er zur Tür hinaus. Sie kannten sich zwar noch nicht lange, doch waren ihre Begegnungen intensiv gewesen. Es war schon beinahe exzessiv zu nennen, zumal er zunächst mit ihrer Schwester, ihrer Zwillingsschwester Saskia, das Bett geteilt hatte. Aber auch nur das. Mit Sina war das anders. Da ging es nicht nur um Sex. Mühsam verdrängte er die Gedanken an heißen Sex mit Sina aus seinem noch immer müden Hirn. Er hoffte, dass sein Partner ihn am Tatort mit Kaffee empfing. Die Wegbeschreibung, die Kolja Rostow ihm gegeben hatte, führte zum alten Friedhof, mitten ins Nirgendwo. Das meiste Licht kam von seinen Scheinwerfern, da das Tageslicht von den Zweigen der Bäume und der dicken Wolkendecke am Himmel mehr als gedämpft wurde. Was für ein trüber Tag. Ein trüber Sonntag an dem man gern länger im Bett blieb,
vor allem, wenn man frisch verliebt war. Schon bald bog Mark in den holprigen Feldweg ein, der ihm genannt worden war. Er war voller Schlaglöcher und gerade breit genug für einen Pkw. An den Seiten wucherte dichtes, undurchdringliches Gestrüpp, und dennoch standen zahlreiche Polizeiwagen mit eingeschaltetem Blinklicht herum. Mark kannte die Gegend, da sich vor ein paar Wochen hier ein Unfall mit einem ausgebrannten Wagen ereignet hatte. Ein strenger Geruch schlug ihm entgegen. Rostow stand vor dem ersten Wagen und sprach mit einem Beamten von der Spurensicherung. Wilde Sträucher streiften Marks Wangen, als er auf sie zu trat. Rostow sah blass aus und wirkte, als hätte er sich gerade übergeben. Eigentlich war er nicht unattraktiv, obwohl er derbe Gesichtszüge und ein starkes, eckiges Kinn hatte. Er hatte einen kräftigen Körperbau und war noch recht jung für diesen Job. Auch trug er sein rotblondes Haar viel zu lang, da er es jedoch im Nacken gebunden hatte, hatte ihr Vorgesetzter bislang nichts dazu gesagt. Kolja Rostow war jemand mit ausgezeichneten Reflexen, überragenden sportlichen Leistungen und Verstand. Aus diesen Gründen war er Mark zugeteilt worden. Er brachte alles mit, was einen guten Ermittler ausmachte. Nur sein Magen spielte ihm übel mit. „Alles klar mit dir, Junge? Siehst mitgenommen aus“, sagte Mark mit einem leicht süffisanten Grinsen. Er war ein junger Kerl, der eine latent brodelnde Aggressivität ausstrahlte, doch Mark mochte ihn gerade darum. Er selbst hätte gern etwas mehr von dieser Art Aggressivität zurückerobert, die ihm im Laufe der Jahre abhandengekommen schien. Die vergangenen Jahre als Ermittler hatten ihn bereits etwas abstumpfen lassen. „Ja, alles okay. Es ist nur…“, versicherte Kolja, wobei er noch elender drein schaute. Mark wusste genau, was er meinte. Tatorte hatten ihre Gerüche, aber die verschwanden irgendwann wieder. Der Anblick, den diese Orte jedoch bereithielten, prägte sich dem Betrachter nur allzu nachdrücklich ein. Kein Wunder das so viele Polizeibeamte diese Bilder in Alkohol ertränkten. „Gut, was haben wir?“ ging Mark dann zum eigentlichen Thema über. „Ein Mordopfer“, begann Rostow wobei er sich wie es schien auf seine ruhige Atmung konzentrierte. „Ach, ehrlich?“ tat Mark gespielt überrascht. Immerhin war er beim Morddezernat. Sie bearbeiteten ausschließlich Mordfälle. „Kommen Sie, lassen Sie den Jungen in Ruhe. Er hat sich ein paar Mal übergeben“, petzte der Kollege von der Spurensicherung mit leicht spöttischer Miene. Mark betrachtete Rostow prüfend. Er wusste, dass dies nicht sein erster Tatort war. Das musste also ein schlimmer Anblick sein, der hier auf ihn wartete. „So schlimm?“ versuchte er sich also ein Bild zu machen. „Na ja. Sie ist nicht wirklich zu erkennen. Ist schon recht heftig.“ „Sie? Eine Frau also.“ „Ja, eine Frauenleiche, so viel kann man sagen“, bestätigte Kolja. „Wer hat die Frau gefunden?“ „Um neun Uhr zehn ging ein Anruf bei der Notrufzentrale ein. Der Name ist Tanja Heigel. Eine recht aufgebrachte Mutter von zwei kleinen Jungen. Die beiden waren auf der Suche nach ihrem Hund“, las Kolja von seinem Notizblock ab. Mark verdrehte die Augen. Kinder, die eine Leiche fanden. Na toll. „Okay, dann sehen wir uns mal an, was die Jungs gefunden haben.“ Entschlossen bahnte Mark sich einen Weg durch die umherschwirrenden Beamten. „Hier“, sagte Kolja und reichte ihm eine versiegelte Plastiktüte. Mark seufzte, befreite den weißen Papieroverall aus der Tüte und stieg vorsichtig hinein. Er war sorgsam darauf bedacht das dünne Material nicht zu zerreißen, als er es über Schuhe, Hose und Jacke zog. Dann setzten sie sich in Bewegung. „Vergessen Sie ihre Kotztüte nicht“, rief ihm der Kollege von der Spurensicherung hinterher, was beide geflissentlich überhörten. Sie gingen durch das Gebüsch, bis sie auf eine fließende Landmarke stießen, die vor dicken, gelben Larven dahinzufließen schien. Es war ein ungewöhnlicher Anblick, und Mark konnte sich gut vorstellen, dass er die Jungen dazu veranlasst hatte, der Spur neugierig zu folgen. Das ganze Gebiet war mit Polizeiband abgeriegelt hinter dem Beamte der Spurensicherung über das Gelände schwärmten. Einige im Boden steckende Markierungen zeigten an, wo potentielle Beweisstücke gefunden worden waren. Ungeachtet dessen, ob die Fundstücke etwas mit dem Fall zu tun hatten und ob es überhaupt einen Mordfall gab, taten sie ihre Arbeit. Marks Aufmerksamkeit war jedoch auf den Bodenbereich in der Mitte der Absperrung gerichtet. * Fiona von Thun war relativ groß, hatte blondierte Haare und eine sehnige Figur. Die Konzernchefin hatte ein Gesicht von strenger Schönheit und die Haltung eines Mitglieds des britischen Empires. Sie trug ein schwarzes Kostüm mit dezenten grauen Streifen. Der Rock reichte ihr bis zu den Knien, ihre Stiefel hatten hohe, schmale Absätze. Sie war ganz anders, als ihre jüngere Schwester Sina. Als sie das Foyer des Bürogebäudes durchmaß hielt sie perfekt die Balance. „Erik, schön dich zu sehen“, begrüßte sie ihren Bruder, der sie um etwa einen halben Kopf überragte. Auch er hatte die Eleganz und Ausstrahlung einer hervorragenden Kinderstube, war breitschultrig, dunkelhaarig und attraktiv. „Schwesterherz, du kommst mir entgegen. Das wäre doch nicht nötig gewesen“, nickte er ihr zu, wobei ein amüsiertes Lächeln seine Mundwinkel umspielte. „Aber natürlich ist es das. Ich bin dir wirklich dankbar. Modern-Hong ist dir dankbar“, stellte sie klar, dass sein Kommen ausschließlich den Firmeninteressen galt. „Dann lass mich mal wissen, was ich Modern-Hong Gutes tun kann.“ Fiona zog eine Augenbraue hoch und sah ihn stumm an. „Du hast es eilig“, bemerkte sie. Dann verengten sich ihre Augen, die das gleiche Blau hatten, wie die ihres Bruders.
„Du willst so schnell wie möglich wieder zurück zu deiner kleinen Gespielin, nehme ich an.“ Eriks Züge verhärteten sich sekundenlang. Dann verflog der Schatten wieder. „Ich bin hier, oder nicht? Also, was kann ich tun!?“ Modern-Hong war ein Multikonzern, ein Globalplayer, der überall auf der Welt operierte. Es gab kaum ein Produkt, kaum ein Erzeugnis oder eine Handelsware, bei deren Vertreibung Modern-Hong nicht involviert war. Der geschätzte Jahresumschlag befand sich in einer Größenordnung von mehreren Milliarden. „Wir haben ein Riesenangebot erhalten. Eine große Expansion“, begann Fiona, jetzt, wo sie hinter ihrem massigen Schreibtisch thronte. „Die Chinesen“, nickte er wissend. Da er als engstes Familienmitglied dem inneren Kreis zugehörig war, war er stets über die wesentlichen geschäftlichen Transaktionen informiert. „Wir haben einen Partner gefunden. Die Tschun-Familie“, ließ Fiona die Bombe platzen. „Die Tschun-Familie? Bist du wahnsinnig?“ Es war ein offenes Geheimnis, dass die Familie Tschun der Triade, der chinesischen Mafia angehörte, wenn nicht sogar die Mafia war. Organisiertes Verbrechen. Erik erbleichte, während Fiona ihn ungerührt ansah. Es war von jeher ihre Direktive gewesen niemals mit kriminellen Elementen zutun zu haben. Es dauerte einen Moment ehe Erik seine Fassung wiedererlangte. „Weiter“, forderte er sie also auf. „Nun, die Chinesen sind ein sehr… traditionelles Volk. Es würde unsere Verhandlungen erheblich erleichtern, wenn du das übernimmst“, gestand sie. Es musste für Fiona mehr als schwer sein, ein solches Zugeständnis zu machen. In der Welt der Werwölfe waren beide Geschlechter gleichberechtigt, wenngleich der Alpha, der Anführer, zumeist männlich war. „Wenn ich helfen kann“, sicherte Erik lächelnd seine Unterstützung zu. Fiona nickte ihm dankend zu. Sie hatte nichts anderes erwartet. Dann verdunkelten sich ihre Züge. „Da ist noch etwas, was du wissen solltest. Jemand kauft größere Pakete unserer Aktien.“ „Jemand?“ wiederholte Erik wobei er die linke Braue hochzog. „Wer?“ „Wir wissen es noch nicht. Aber es stinkt gewaltig, denn so stabil wie unsere Kurse sind, ist davon auszugehen, dass es ein extrem solventer Käufer oder mehrere sind. Erst gestern wurde ein Paket von 200.000 Stück im Ausland gekauft.“ „Und du weißt nicht von wem?“ „Der Markt ist nervös, Erik. Eine Menge chinesisches Geld ist im Umlauf. Das sind viele kleine Abschlüsse… multipliziert mit hunderttausend… die Kurse könnten zusammenbrechen oder ins Unermessliche steigen.“ „Na, das klingt doch, als würden wir alle dick verdienen“, ließ Erik sich nicht aus der Ruhe bringen. Fiona blähte die Nüstern. Sie roch seinen Schweiß, so wie er den ihren wittern konnte. Für einen Moment schwiegen sie. Das Spiel, das sie spielten hieß alles oder nichts, wie es schien. „Ich zeige dir dein Büro, es ist das zweite Eckbüro. Ich habe auch eine Assistentin für dich abgestellt. Sie wird dich mit allem vertraut machen, was du wissen musst.“ Als sie an ihm vorbei in Richtung Tür ging, hielt sie kurz inne und sagte, ohne ihn anzusehen: „Danke, dass du hergekommen bist.“ * Die Leiche der Frau wäre auch im hellen Sonnenlicht nicht mehr zu erkennen. Ihr Körper war durch und durch von Ungeziefer befallen, dass unter ihrer Haut in Wellen wimmelte. Aus Mund, Nase und anderen natürlichen und unnatürlichen Körperöffnungen quollen Larven hervor, sammelten sich am Boden und krabbelten in einer gebogenen Linie davon, die die Ermittler ursprünglich zu ihr geführt hatte. Sie konnten von Glück sagen, dass es nicht Sommer war. Es hatte genügt, dass in den vergangenen Wochen ungewöhnlich warmes Klima geherrscht hatte. Das Gewimmel zwang Marks Blick beinahe sich abzuwenden. „Heilige Scheiße“, stieß er aus, als er den ersten Blick auf die Leiche erhaschte. Die Larven krochen nur so über das Fleisch, fraßen sich ihren Weg hinein und verzehrten es langsam, aber beständig. Die Reste ihrer Kleidung deuteten auf Sportkleidung und Laufschuhe hin. Die Leiche lag auf dem Bauch, die Arme leicht angewinkelt wie in einer Art Abwehrposition. Beine, Taille, Gesäß und Arme waren wohlgeformt und wirkten sportlich. Die bläulich verfärbte Haut umhüllte den Körper wie zu weites Leder. Maden rieselten wie Reiskörner aus zahlreichen kleineren
und größeren Wunden an Armen und an der Kehle. Zu erkennen war auf dem ersten Blick nicht sehr viel, da Wildtiere und Insekten ihren Teil zum Verfall und der Zerstörung von wichtigem Beweismaterial beigetragen hatten. Die Verwesung war bereits weit fortgeschritten. Die Magensäfte kamen Mark hoch, aber die Mauern, die er auch schon während der Untersuchungen anderer Todesfälle um sich errichtet hatte, hielten, und er zwang es wieder hinunter. Den Blick konzentriert auf den Leichnam gerichtet, streifte sich Mark die Latexhandschuhe über und zog sie geräuschvoll zurecht. In der dunkel verfärbten Haut gab es mehrere Wunden, die aussahen wie tiefe, große Kratzer. Die beträchtlichste Verletzung befand sich an der Kehle. Obwohl die Leiche mit dem Gesicht nach unten lag, war deren Ausmaß kaum zu übersehen. Kolja starrte auf das zerfetzte Fleischbündel, das einmal eine Frau gewesen war und kämpfte verbissen seine erneut aufkommende Übelkeit hinunter. Er hatte die Hände zu Fäusten geballt und sie in seinen Manteltaschen verstaut. Seine Kiefermuskeln verkrampften, so sehr biss er bei dem schaurigen Anblick die Zähne zusammen. „Und? Was sagst du dazu?“ wollte Kolja wissen. „Bei dieser Larvenmenge ist wohl davon auszugehen, dass sie schon länger hier liegt.“ Kolja nickte, während Mark seinen Blick über den dunkel gefärbten Boden gleiten ließ. „Ich würde sagen, acht bis zehn Tage“, meldete sich Dr. Hill zu Wort, der führende Pathologe. Er war asiatischer Abstammung und wirkte mit seiner dunklen Hornbrille äußerst kompetent. Mark hatte schon häufig mit ihm zusammengearbeitet und vertraute dessen Urteil. „Wir wären dann soweit“, trat einer der Beamten von der Spurensicherung zu ihnen, der den Mediziner begleitet hatte. Der Pathologe stand jetzt direkt neben der Leiche. Mark und Kolja traten zurück. Alles, was getan werden konnte, ohne die Leiche zu bewegen, war erledigt. Die Fotos waren geschossen, die Messungen durchgeführt und erste Proben entnommen worden. Jetzt war der Moment gekommen, in dem die Leiche gewendet würde. Vorsichtig begann der Spurensicherer zusammen mit dem Pathologen die Leiche umzudrehen. „Oh Gott!“ fuhr Kolja auf und wandte für einen kurzen Moment den Blick ab. Die Vorderseite des Opfers war übel zugerichtet. Neben der aufgerissenen Kehle, quollen die inneren Organe aus einer riesigen Bauchwunde hervor. Auch vom Gesicht war kaum etwas übrig geblieben. Einer der Beamten wandte sich schnell würgend ab. Für einen Moment rührte sich niemand. Alle schwiegen betreten und starrten mit entsetztem Blick auf das, was sie hier gefunden hatten. Nicht nur die große Bauchwunde, aus der der Rest der Innereien halb herausgequollen war, bot einen entsetzlichen Anblick. Das Gesicht selbst war eine formlose Masse aus Muskelgewebe. „Wurde sie gehäutet?“ wollte Kolja seine Vermutung bestätigt wissen. Sein sonnengebräuntes Gesicht war noch weißer geworden. Mark schüttelte leicht den Kopf. Er starrte zuerst auf die Bauchwunde, dann auf das Gesicht des Opfers. Die fehlende Gesichtshaut ließ ihre Augen grotesk freiliegen. Sie schienen ihn geradewegs anzustarren. Ihr Mund stand offen, die Zähne und der Unterkiefer fehlten. Es war nicht klar, ob der Mörder das getan hatte, oder die Wildtiere nach ihrem Tod. Mit leiser Stimme sagte Dr. Hill: „Wirkt so, als ob Tiere den Knochen abgenagt hätten, vermutlich innerhalb der ersten Stunden nach dem Ableben des Opfers, denn wenn das Fleisch erst fault, gehen die Tiere nicht mehr daran.“ „Sieht fast so aus, als hätte sie jemand gebissen und ihr die Haut vom Gesicht gerissen“, sagte Mark. Er beließ seinen Blick noch immer konzentriert auf den Leichnam. Unterhalb des fehlenden Kiefers klaffte die durchtrennte, zerfetzte Kehle weit auf und er sah die Knorpel, die langsamer und nicht so leicht verwesten wie das weichere Gewebe. „Ein Hund oder Fuchs oder so was?“ entwickelte Kolja den Gedanken seines Kollegen weiter. „Möglich“, flüsterte Mark leise und sandte ein Stoßgebet gen Himmel, dass diese naheliegende Schlussfolgerung der Wirklichkeit entsprach und die Verletzungen keinen anderen Hintergrund hatten. „Du meinst also, diese Frau wurde gar nicht ermordet, zumindest nicht im eigentlichen Sinne, sondern von einem Tier angefallen?“ leitete Kolja ab. „Ich meine, dass wir den Bericht aus der Gerichtsmedizin abwarten sollten. Vielleicht ist sie von einem Tier angefallen worden, vielleicht ein Streuner. Vielleicht wurde sie ermordet.“ Damit wandte sich Mark ab und überließ den Kollegen von der Spurensicherung das Feld. Kolja folgte ihm. Er hielt noch immer das Taschentuch vor seine Nase. Mark überdachte die Lage des Körpers und die Wunden, die dem Leichnam zugebracht worden waren, und das Ergebnis seiner Überlegungen mochte er überhaupt nicht. Nichts, das er kannte, konnte mit einem einzigen Schlag Fleisch wie ein Blatt Papier zerreißen, und zwar so schnell, dass dem Opfer keine Zeit zur Gegenwehr
blieb. Nichts. Aber etwas hatte es getan, und dieses Etwas konnte nur ein Vampir oder ein Werwolf sein. „Haben wir irgendwas über das Opfer? Wissen wir, wer sie ist?“ fragte Mark seinen Kollegen über die Schulter hinweg. „Bis jetzt nicht. Die erste Untersuchung der Hosen- und Jackentaschen hat nichts ergeben, aber wir haben noch keine Fingerabdrücke genommen“, antwortete Kolja. „Hat sich schon jemand die nähere Umgebung angesehen? Handtasche, Rucksack…?“ Kolja starrte Mark an, als hätte er vergessen Zuhause die Kaffeemaschine auszuschalten. „Das ist wahrscheinlich reine Zeitverschwendung“, murmelte er als wolle er sich für eine Unterlassungssünde entschuldigen. „Da gebe ich dir Recht, es muss aber trotzdem gemacht werden“, sagte Mark. „Wie sieht es mit Vermisstenmeldungen aus?“ ging er den nächsten Punkt an. „Ich habe eine erste Beschreibung von ihr an die Zentrale gegeben, soweit das möglich war. Bisher gab es nichts, was auf eine Übereinstimmung schließen lässt. Ohne Gesicht ist das nicht verwunderlich. Das ist wie die Stecknadel im Heuhaufen zu suchen“, sagte Kolja merklich entspannter. Mark hielt plötzlich inne und sah seinen Kollegen direkt an. „Hey, bin froh, dass du dabei bist, Kleiner. Obwohl du mir schon jetzt auf die Nerven gehst.“ Koljas Miene verriet den Anflug eines Lächelns, während Mark fortfuhr. „Okay, sag der Spurensicherung sie sollen vor allem nach Fußabdrücken ob menschlich oder animalisch Ausschau halten und natürlich auch nach Reifenspuren. Man kann nie wissen. Ich werde jetzt die Zeugen aufsuchen. Wir sehen uns später im Revier.“ „Zeugen?“ fragte Kolja verblüfft. „Die Jungs, die sie gefunden haben“, erklärte Mark kurz. „Was können die schon wissen?“ war Kolja nicht klar. „Das weiß man nie.“ * Nachdem Vivien einen Teller Spaghetti gegessen hatte, ging sie auf den Balkon hinaus. Die Sonne war noch immer hinter den Wolken verborgen und würde wohl auch nicht mehr hervorkommen. Die Temperaturen waren in der vergangenen Nacht um zehn Grad gesunken. Es war kalt, aber die frische Nachmittagsluft tat ihr gut. Erik hatte ihre Textnachricht noch nicht beantwortet. Sie wusste nicht einmal wo er war, doch dieser Gedanke hatte auch etwas Beruhigendes, nämlich, dass sie ihr eigenes Leben lebte. Sie war eine selbstbewusste Frau, die durchaus allein zurecht kam und mit beiden Beinen im Leben stand. „So ein Quatsch“, murmelte sie und schielte hoffnungsvoll in Richtung Handy, dass sie natürlich neben sich auf dem kleinen Tisch abgelegt hatte, während ihre Finger mit ihren rotblonden Locken spielten. Sie würde alles darum geben wenigstens eine kurze Nachricht von ihm zu erhalten. Sie waren jetzt seit etwa einem halben Jahr zusammen und hatten schon so einiges durchgemacht. Eine Mordserie, bizarre Verwandlungen und eine Entführung. Sie wusste, dass ihr Freund der Spezies der Werwölfe angehörte. Sie waren entgegen den einschlägigen Horrorfilmen eine edle Spezies, hochintelligent und edelmütig. Auch die Existenz von Vampiren war ihr bewusst. Nach all dem Schrecken, den sie erlebt hatte, wäre es gut, wenn sie endlich einmal zur Ruhe kämen und den Alltag angingen, doch dann kam der Anruf, der alles veränderte. Erik wurde von seiner Schwester ans andere Ende der Welt beordert. Firmengeschäfte. Es musste etwas Ernstes sein, sonst hätte sich Erik nicht so Hals über Kopf auf den Weg gemacht. Er hatte ihr erklärt, dass die von Thuns in über hundert Unternehmen, von der Elektroindustrie über Pharmaindustrie bis zur Filmbranche vertreten waren, und Modern-Hong der Hauptkonzern war. Dieser Konzern verfügte über Büros und Vertreter in allen größeren Städten sämtlicher Industrienationen und kontrollierte die Finanzmärkte der Welt, die Technologie sowie die meisten natürlichen Ressourcen. Vivien konnte sich kaum vorstellen, was das bedeutete. Es war ihr auch egal. Alles was für sie zählte war, dass Erik nicht bei ihr war. Unwillkürlich dachte sie an die Wunden an ihrem Hals, die endlich anfingen zu verheilen. Vor ein paar Tagen hatte diese Wunde mit ihren zerfransten Rändern wirklich widerlich ausgesehen, als hätte sie ein Dobermann erwischt und einmal zugebissen, nicht gezerrt, nur einmal reingebissen. Seither hatte sie ihre Liebe zu Halstüchern und Rollkragenpullovern entdeckt. Vivien ging in ihre Wohnung zurück, zog sich ihre dicke Strickjacke über und holte dann ein Glas und eine Flasche Cognac. Es war ein exquisiter Tropfen, den Erik von einer seiner kurzen Auslandsreisen mitgebracht hatte. Sie hatte ihn für eine besondere Gelegenheit aufgehoben und sich nun entschieden, dass dieser klare Herbstnachmittag allein auf ihrem Balkon genau der richtige Moment war. Wehmütig ging sie wieder hinaus und zog die wärmende Jacke noch enger um sich.
Nach einem Kontrollblick zum Handy öffnete sie die Flasche und füllte etwas davon in das große, bauchige Glas. Scharfer Karamellduft mischte sich mit dem schnöden Geruch nach Alkohol. Sie schwenkte das Glas und bedauerte, dass sie es allein genießen würde. Dann prostete sie ihrem Spiegelbild in dem Fensterglas der Balkontür zu und befahl sich, es zu genießen. Als sie den Cognacschwenker gerade an die Lippen setzen wollte, klingelte ihr Handy. Ein Lächeln überzog ihr Gesicht, dass etwas zurückwich, als sie den Namen auf dem Display las. Das war nicht Erik. Enttäuscht stellte sie das Glas ab, bevor sie sich meldete. * Als er wieder zu seinem Wagen ging, griff Mark zu seinem Handy. Er wählte den entsprechenden Kontakt und wartete. Es klingelte dreimal, ehe Dr. Kramer an den Apparat ging. „Vivien? Mark hier. Ich brauche dich, beziehungsweise zwei kleine Jungen brauchen dich. Sie haben eine halb verfaulte Leiche gefunden, und ich muss sie befragen. Kannst du mich begleiten?“ Die Psychologin keuchte auf vor Entsetzen. „Ja, natürlich. Jetzt sofort?“ war ihre vordringlichste Frage. „Wenn du jetzt Zeit hättest, das wäre großartig.“ Vivien sagte zu, in etwa zwanzig Minuten bei der angegebenen Adresse zu sein und beendete das Gespräch. Als Mark in die Straße einbog wartete Vivien bereits in ihrem Wagen vor dem Haus. Es hatte angefangen zu regnen und die Scheiben waren beschlagen. Sie musste schon ein paar Minuten auf ihn gewartet haben. Mark hatte Vivien von Anfang an sehr gemocht. Viel zu sehr, doch es war nie etwas aus ihnen geworden, da sie mit Erik von Thun, Sinas Bruder, zusammen war. Inzwischen lag seine anfängliche Begeisterung längst hinter ihnen. Jetzt waren sie Freunde, Freunde, die bereits einiges miteinander durchgestanden hatten. Er vertraute ihr. Außerdem war sie die einzige Psychologin, die er kannte und daher bestens geeignet, um bei dieser Zeugenbefragung dabei zu sein. „Hallo. Tut mir leid, wenn ich dir das Wochenende zerstöre“, entschuldigte er sich sofort, als er ihr die Tür aufhielt. Als erstes lugte ein Regenschirm aus dem Wageninneren, der hoch über dem Autodach aufgeknipst wurde. Erst dann tauchte Vivien auf. Sie war hübsch wie immer, wenn sie auch ihr rotblondes Haar im Nacken gebunden hatte und dadurch etwas streng wirkte. Es war das erste Mal, dass er sie ungeschminkt sah. Sie trug zu ihren einfachen Jeans witzige rote Gummistiefel, die durch ihre weißen Schnürsenkel ein echtes modisches It-Piece waren. Ansonsten trug sie ein rot-weißes Sweatshirt und eine rote Regenjacke. Das war wohl ihr Freizeitlook, gemütlich aber nicht unattraktiv. Genau wie sie. „Was genau haben die Jungen gesehen?“ „Eine Frauenleiche, halb verwest. Sie folgten wohl der Spur aus Maden und Käfern und allem möglichen Gewürm. Der Körper war schon halb verfallen und zerfetzt.“ „Zerfetzt?“ „Wir wissen noch nicht ob das alles post mortem passierte. Sah aber nach einem Tier aus. Ein Wolf oder ein Fuchs.“ „Ein Wolf?“ „Ein Tier. Ein ganz normales Wildtier“, spezifizierte er zu ihrer Beruhigung. Da beide mit dem Hause von Thun liiert waren, kannten auch beide deren Geheimnis. Es war nur natürlich, dass sich Vivien Sorgen machte, als sie das Wort Wolf hörte. Mark sorgte sich schließlich genauso. „Okay. Also eine richtig schlimme Sache“, schlussfolgerte sie, um den Zustand der Kinder einschätzen zu können. „Richtig schlimm“, bestätigte Mark und ging den kleinen Weg zur Haustür hinunter. Nachdem er die Klingel, neben der ein Klebestreifen mit der Aufschrift Heigel pappte, betätigte, versuchte Mark den Schmutz von seinen Schuhen an der Fußmatte abzutreten. Vivien sah ihm dabei nicht zu. Sie hielt den Blick konzentriert auf die Tür gerichtet. Als sie geöffnet wurde sah sie in das Gesicht einer rundlichen Frau mit silbergrauem Haar. „Ja?“ „Guten Tag. Verzeihen Sie die Störung. Mark Peters vom Dezernat 1. Wir kommen wegen der Jungen. Wir hätten noch einige Fragen.“ Die Frau runzelte die Stirn und wollte eben verneinen, als Mark Vivien als Psychologin vorstellte und seinen Dienstausweis als Legitimation vorzeigte. Das Gesicht der Frau ließ erkennen, dass ihr Widerstand bröckelte. „Oh, ich verstehe. Kommen Sie doch herein“, trat sie endlich einen kleinen Schritt zurück, um die beiden einzulassen. „Kommen Sie ins Wohnzimmer. Die Kinder sind dort bei meiner Tochter. Wir sind alle ganz verstört“, berichtete sie, während sie den Flur hinunter deutete.
Die Mutter saß mit ihren Kindern in dem kleinen Wohnzimmer auf einem zerschlissenen Ledersofa. Sie hatte den Arm um ihren trübsinnigen Sohn gelegt, der neben ihr auf dem Sofa saß und ohne wirkliches Interesse zum Fernseher starrte. In ihrem Schoß hatte ihre kleine Tochter ihr rotes Lockenköpfchen gelegt und starrte ebenso bekümmert vor sich hin. Vivien und Mark tauschten einen Blick. Bislang waren sie davon ausgegangen, dass es sich um zwei Jungen gehandelt hätte. „Tanja, das ist ein Ermittler von der Polizei und eine Psychologin. Sie haben Fragen an die Kinder“, stellte die Oma die beiden Eindringlinge vor. „Ja, natürlich. Wir sind froh, wenn wir das schnell hinter uns bringen, nicht wahr Kinder?“ flüsterte die junge Frau, die mit der Situation naturgemäß überfordert war. Vivien trat vorsichtig vor und bedeutete Mark, sich im Hintergrund zu halten. Zunächst musste sie herausfinden, wo das persönliche Distanzbedürfnis der Kinder lag, das im Allgemeinen deutlich anders als bei Erwachsenen war. Letztere wahrten normalerweise den gleichen Abstand, unabhängig von ihrer Verfassung und egal ob es sich um Freunde oder Fremde handelte. Kinder hielten dagegen unterschiedliche Distanz zu anderen. Es kam darauf an, wie gut sie mit dem Gesprächspartner bekannt waren, und es hing auch oft von ihrer Stimmung ab. Vivien war klar, dass die Kinder mit Abwehr reagieren würden, wenn sie sich ihnen zu sehr näherte. Sie würden nahezu erstarren. Sie war etwa eineinhalb Meter entfernt, als der Blick des Jungen, der sie neugierig gemustert hatte, sich wieder auf den Fernseher richtete. Vivien trat sofort einen Schritt zurück. Dann ließ sie sich auf die Knie nieder und nickte der Mutter freundlich zu. Es war wichtig ein wenig kleiner als die beiden Kinder zu wirken. Sie musste sehr sorgsam vorgehen, da die beiden sehr wahrscheinlich noch unter Schock standen. „Das ist Tim, mein großer und das hier ist Tina, Christina, meine kleine“, erklärte die Mutter benommen, während sie dem Mädchen sanft über die Locken strich. „Christina? Das ist ein super Name. Meine beste Freundin heißt auch so“, begann Vivien freundlich nickend. Das Mädchen richtete sich auf und schmiegte sich an ihre Mutter. Es herrschte eine beklommene Atmosphäre. Man spürte die Spannung regelrecht in der Luft. „Mögt ihr mir erzählen, was ihr heute gefunden habt?“ fragte Mark sanft, der sich direkt neben Vivien gehockt hatte. Das war ein typischer Anfängerfehler. Man durfte Kinder nicht sofort mit Fragen konfrontieren. Das funktionierte einfach nicht, schon gar nicht in einer solchen Situation. Vivien seufzte unmerklich und bedachte Mark mit einem eindeutigen Blick. „Nun sagt dem netten Mann ruhig, was ihr gefunden habt. Das ist wichtig. Er will nur helfen“, versuchte die Mutter ihre Kinder zu motivieren, doch auch das würde nicht funktionieren. Mark nickte unterdessen kurz, da er Viviens Blick richtig interpretiert hatte und zog sich wieder zurück. Vivien griff in ihre Jackentasche und holte ihre Handschuhe hervor. Dann legte sie sie übereinander, rollte sie in einer bestimmten Weise auf und stülpte sie am Ende so übereinander, dass eine kleine Handpuppe daraus entstand. Es war ein kleiner Trick, der ihr schon oft bei der Arbeit mit Kindern geholfen hatte. Sofort hatte sie die Aufmerksamkeit beider Kinder. Das war der erste Schritt. „Ist ja gut“, beruhigte sie dann die selbstgemachte Handpuppe. „Das sind doch nur Tim und Tina. Die tun dir nichts“, tat Vivien so, als würde sie die Handpuppe weiter beruhigen, ohne die Kinder dabei zu beachten. Sie schien einzig auf die Handpuppe konzentriert zu sein. Aus den Augenwinkeln sah sie jedoch, dass die Kinder interessiert ihr Tun verfolgten. Der Junge schien den Fernseher vergessen zu haben und das Mädchen rückte sogar ein wenig von der Mutter ab. Jetzt blickte Vivien zu ihnen hinüber und lächelte ein wenig entschuldigend. „Sie ist so scheu, und fremde Kinder machen ihr immer ein wenig angst.“ „Wie hast du das gemacht?“ wollte Tim wissen, wie sie die Handschuhe zu einer solchen Puppe umfunktioniert hatte. „Das ist gar nicht so leicht. Es erfordert ein wenig Übung und man muss geschickt sein“, verriet Vivien mit einem verschwörerischen Augenzwinkern. „Soll ich es dir zeigen?“ Tim nickte, erhob sich vom Sofa und kam näher an Vivien heran. Also zog sie die Puppe wieder von den Fingern und schüttelte die Handschuhe in ihre ursprüngliche Form zurück. „Nicht kaputt machen“, verlangte die kleine Tina, sprang auf und versuchte Vivien davon abzuhalten. „Sie ist nicht kaputt. Nur anders. Sieh zu, gleich ist sie wieder wie vorher“, beruhigte Vivien sofort und begann nun ganz langsam die Handschuhe
zu einer Puppe zu falten, um sie sich erneut über die Finger zu stülpen. „Seht ihr?“ freute sie sich mit den Kindern, als sie wieder mit der Puppe spielte. Die Kinder lachten, zwar verhalten, doch es war ein deutliches Lachen. Das Eis war gebrochen. „Magst du es mal versuchen?“ bot sie Tim an, der ohne zu zögern die Handschuhe in ihrer Ursprungsform an sich nahm und frisch ans Werk ging. Unter Viviens Anweisung gelang es ihm recht schnell ein ähnliches Püppchen zu kreieren und sich über die Hand zu stülpen. „Super. Du bist ein Naturtalent, Tim. So schnell hat das noch keiner geschafft“, lobte Vivien überschwänglich. Das war der zweite Schritt. Nun konnten sie ganz behutsam zum eigentlichen Grund ihres Besuchs kommen und die Kinder ihre Geschichte erzählen lassen. Tina sagte die ganze Zeit über kein Wort, nickte aber hin und wieder, während ihr großer Bruder seine Erlebnisse wiederholte, die er bereits seiner Mutter und Großmutter erzählt hatte. Während Vivien mit den Kindern sprach, hielt sich Mark komplett im Hintergrund. Er beobachtete das Geschehen und war recht beeindruckt von Viviens Einfühlungsvermögen und Gesprächsführung. „Du solltest Seminare geben“, schlug er ihr mit einem schiefen Lächeln vor, als er sich später zu ihr auf den Beifahrersitz setzte. „Worüber?“ war sie irritiert. Sie war die ganze Zeit über darauf bedacht das traumatische Erlebnis der Kinder ein wenig abzuschwächen, als auf den Inhalt der Schilderungen zu achten. Anschließend hatte sie Tanja, der Mutter, noch ihre Karte gegeben und ihr versprochen sich Zeit für diese kleine Familie zu nehmen. „Es ist wichtig, dass ihre Kinder das Erlebte ausreichend verarbeiten. Ich möchte Ihnen dringend empfehlen eine kleine Therapie zu machen. Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen Adressen von renommierten Kinderpsychologen nennen“, hatte sie vorgeschlagen. „Das sollte nur ein Kompliment sein“, riss Mark sie aus ihren Gedanken. Vivien sah zu ihm hinüber, lächelte und nickte abwesend. Eigentlich hatte sie keine Ahnung, was er meinte. „Und, was denkst du?“ wollte er schließlich wissen. „Über die Kinder? Ich sehe das so: Die beiden machen sich voller Sorge um den Hund auf. Auf Tim lastet die ganze Verantwortung, da er schon zwei Jahre älter ist als seine kleine Schwester. Vermutlich nahm er sie eher widerwillig mit“, lächelte Vivien versonnen. Dann schüttelte Vivien traurig den Kopf. „Die armen Kinder. Diesen Anblick werden sie nicht so schnell wieder los. Es ist gut, dass du mich für die Befragung mitgenommen hast.“ „Wie kommt es wohl, dass eine Leiche so lange unbemerkt dort liegt?“ fragte Mark sich. Vivien zuckte in dem Bemühen eine sinnvolle Antwort zu finden leichthin mit den Schultern. „Na ja. Da geht sonst keiner hin. Wäre der Hund nicht weggelaufen, wäre Tim nicht der Madenspur gefolgt und direkt in die Leiche hineingelaufen, dann wäre sie wohl noch länger unentdeckt geblieben.“ Mark nickte. „Weiß man schon, wie lange sie dort liegt?“ war Vivien interessiert. Mark schüttelte den Kopf. „Die Untersuchung läuft noch. Bist du sicher, dass die Kinder nichts Auffälliges gesehen haben können?“ Vivien ließ sich für die Antwort Zeit. Sie dachte sorgsam nach, schüttelte dann aber entschieden den Kopf. „Nein, ganz bestimmt wären sie schon früher mal dorthin gelaufen, wenn sie etwas gesehen oder gehört hätten.“ * Mit beiden Händen glitt Ivanka über ihr enges Etuikleid, das lediglich die Hälfte ihrer Oberschenkel bedeckte, um es glatt zu streichen. Für ihre erste Begegnung mit ihrem neuen Chef wollte sie perfekt aussehen. Sie hatte sich in den vergangenen zehn Minuten im Waschraum einem äußerst kritischen Blick unterworfen. Ihr Spiegelbild belog sie nie. Sie hatte nur leichtes Make-up aufgetragen, einen dunklen Lidstrich, damit ihre himmelblauen Augen noch geheimnisvoller wirkten und einen zartrosa Lippenstift, der hervorragend geeignet war ihre stolze Haltung und dominante Ausstrahlung ins Feminine zu rücken. Anschließend ordnete sie ihre blonden Haare zu einem perfekten Bob, den sie etwas länger trug als Fiona. Außerdem war sie eine echte Blondine. Sie hatte es nicht nötig zu colorieren. Ein letzter Kontrollblick in den Spiegel bestätigte ihr, dass sie perfekt aussah. Ja, perfekt. Und das war gerade gut genug für Erik von Thun.
Als sie sich der leicht angelehnten Tür näherte, hörte sie ein helles Lachen. Das war ein ungewohnter Klang in dieser Firma. Es war ein lebhaftes, ehrliches Lachen, das offenherzig und mit einer verspielten Note erklang. Sein Duft hatte eine ebenso starke Wirkung auf sie und rief in ihr eine Welle von Sinneseindrücken wach. Da war eine lautlose Pirsch, eine pulsierende Kraft, die Beute riss, da waren bebende Muskeln und verschwitzte Körper. Da war jede Menge schmutziger Sex. Ivankas Neugier stieg. Vorsichtig spähte sie durch den Türspalt. Seine Stimme war sanfter, als die seiner Schwester, wenn auch die gleiche leichte Überheblichkeit darin mit schwang. Er sah unverschämt gut aus. Seine Muskeln zeichneten sich unter seinem Maßanzug ab. Er hatte dichtes, schwarzes Haar, strahlende blaue Augen und war braungebrannt. Eine Aura des Erfolgs umgab ihn, ohne dass er anmaßend wirkte. Er war ein echter Wolf. Er war perfekt. Getrieben von freudiger Erregung gab Ivanka ihr Versteck hinter der Tür auf und schritt ins Büro direkt auf Fiona und Erik zu. Im Vergleich zu Fionas düsterer Erscheinung wirkte ihr Bruder beinahe wie eine Lichtgestalt, denn auf seinen harten Gesichtszügen spiegelte sich eine anziehende Wärme. „Erik, darf ich vorstellen, das ist Ivanka Olegowna, deine Assistentin“, stellte Fiona die eintretende Erscheinung vor. Erik schluckte bei ihrem Anblick. Ohne, dass es ihm bewusst wurde stellte er sich vor, wie es wohl sein würde ihren weichen Nacken mit kleinen Küssen und Bissen zu bedecken. Doch nein! Augenblicklich zwang er sich wieder in die Realität zurück. Sein Puls erhöhte sich und ein leises Vibrieren durchlief seinen Körper. Erik schluckte hart und konnte nur hoffen, dass dieser instinktive Anflug unbemerkt geblieben war. Eine unsinnige Hoffnung, denn zumindest Fiona kannte ihn dazu zu gut. Die strahlende Anziehungskraft, die er auf sie ausübte wurde von etwas in seiner Körperhaltung gemindert. Für einen Augenblick war Ivanka verwirrt. Dann erkannte sie, was es war, dass sie so irritierte. Erik war nicht offen für ihre Reize, was nur bedeuten konnte, dass er anderweitig vergeben war. Dieses extrem starke Empfinden verwob sich in seiner Aura und schaffte eine Art Abwehrmechanismus, dem sie sich nur schwer entgegenstellen konnte. Mit einem leicht anklagenden Blick zu Fiona versuchte sie ihr ihren Unmut zu übermitteln, da sie sie hierüber im Unklaren gelassen hatte. Ob seine Verliebtheit ihrem Vorhaben nun im Wege stehen oder ihr sogar in die Hände spielen würde, blieb jedoch noch abzuwarten. „Ivanka, sehr erfreut“, nickte Erik ihr höflich zu. „Olegowna, nach deinem Vater, Oleg, vermute ich?“ brachte Erik sein Wissen über die russische Namensgebung zum Ausdruck, in der die Nachnamen immer Ableitungen des Vornamens väterlicherseits waren. In ihrem Falle Olegowna als weibliche Vernachnamung des väterlichen Vornamens Oleg. „Ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit.“ Ihm fiel sofort auf, wie gut sie roch. Der Duft ihres Shampoos war dezent, Parfüm benutzte sie nicht, und so war es ihr eigener Geruch, der pur und unverfälscht in seine empfindliche Nase stieg. Eine Werwölfin. Sie trug ein enges, schwarzes Kleid und nichts darunter. Weder trug sie einen BH, denn ihre Brüste zeichneten sich mit allen verlockenden Details unter dem Stoff ab, noch einen Slip, wie sein Geruchssinn erkannte. Sie war jung, er schätzte sie auf sechs- sieben- höchstens achtundzwanzig. Ein verlockendes Alter. Schon warf er seiner Schwester einen mahnenden Blick zu. Sie hatte sich bestimmt einen perfiden Plan zurechtgelegt, um ihn von Vivien abzubringen. Erik seufzte innerlich. Ivanka konnte nichts dafür, also würde er ihr gegenüber freundlich und zurückhaltend sein und seiner eigenen Schwester könnte er nichts wirklich übel nehmen. Es blieb ihm also schon aufgrund seiner guten Erziehung gar nichts anderes übrig als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Es betrübte ihn nur ein wenig, wie leicht Fionas Absichten zu durchschauen waren. * Als Vivien am Abend in die Praxis fuhr, war sie immer noch aufgewühlt. Eigentlich hatte sie diesen Sonntagabend mit ihrer Busenfreundin Christina verbringen wollen, doch nun waren die Kinder der Familie Heigel dazwischen gekommen, und Vivien wollte sich noch ein paar Notizen machen. Als sie vor der Praxis vorfuhr, lag die Straße in seltsamer Dunkelheit. Eine der Straßenlampen war defekt. Dadurch hatte das ganze Szenario etwas Bedrohliches an sich, doch Vivien schüttelte diese trüben Gedanken gezielt ab. Sie durfte und wollte sich nicht ständig fürchten. Sie hatte so einiges mitmachen müssen im letzten Halbjahr. Es hätte ihr zugestanden ein wenig paranoid zu sein, doch diese Gefühle der Schwäche wollte sie einfach nicht mehr zulassen. Mit eiserner Disziplin und verbissenem Eifer ging sie dagegen an. Also stieg sie aus, ließ die Tür hinter sich zufallen und ging entschlossenen Schrittes zur Eingangstür hinüber, auch wenn ihre Knie dabei zitterten. Alles lag in dunklem Schatten, doch auf halber Höhe erkannte sie plötzlich die Umrisse einer Gestalt. Erschrocken blieb sie stehen, spielte für eine Sekunde
mit dem Gedanken wieder zum Auto zurückzulaufen, doch schon trat die Gestalt aus dem Schatten heraus. Vivien schluckte in einem Anflug von Panik. Sie erkannte ihn sofort, und unweigerlich wanderte ihre Hand zu ihrem Hals empor, wo ihre Finger die kleine Wunde betasteten, die er ihr zugefügt hatte. „Johann Ernst“, entfuhr es ihr. Vivien wich automatisch einen Schritt zurück. Sie war mehr als erstaunt ihn hier anzutreffen, da sie normalerweise gar nicht um diese Tages- oder Nachtzeit hier war. Dennoch wartete er im Eingang auf sie. Obwohl er höchstens 1,75 Meter maß, strahlte seine aufrechte Haltung eine solche Bedeutsamkeit aus, dass man ihn nicht für klein hielt, sondern andere Männer neben ihm lediglich zu groß wirkten. Noch zögerte sie, doch sie wusste, dass sie keine Chance hatte ihm zu entkommen. Wäre sie zu ihrem Wagen zurück gerannt, so hätte er sie mit Leichtigkeit überholt. Außerdem wollte sie ihn nicht verärgern. Sie saß also in der Falle und konnte nichts anderes tun, als mit rasendem Herzen direkt auf ihn zuzugehen. „Willst du auf meine Couch oder an meinen Hals?“ erkundigte sie sich so beiläufig wie möglich, als sie in Rufweite war. Johann hob abwehrend die Hände und verneigte sich in einer unmerklichen Geste, wie es so seine Art war. „Aber nicht doch. Obgleich beide Vorschläge verlockend klingen. Sei versichert, weder das eine noch das andere“, entgegnete er mit seiner anziehenden Stimme. Vivien spürte seinen Blick wie einen enormen Druck. Er testete offenbar seine Macht aus und wollte sehen, ob er heute damit bei ihr Erfolg haben würde. Das hatte er nicht. Vivien wusste nicht warum, aber dieser Vampirtrick funktionierte bei ihr nicht. Nicht sonderlich. Eigentlich hätte sie über seinen Versuch ihren Verstand zu manipulieren verärgert sein sollen, doch sie sah es ihm nach. Vermutlich würde auch jeder normale Mensch, wenn er eine solche Gabe besäße, gelegentlich von ihr Gebrauch machen. Ein Vampir wusste es halt nicht besser. Also nahm sie ihn murrend mit hinein, obwohl sie wusste, dass Erik ihr die Hölle heiß machen würde, wenn sie ihm später davon berichten würde. Vivien verspürte zwar nicht den geringsten Drang mit dem Vampir allein zu sein, auch wenn er versucht hatte ihr genau das zu suggerieren. Sie war neugierig, was er wohl von ihr wollte. Außerdem wäre es vollkommen aussichtslos einen Vampir davon abzuhalten das zu bekommen, was er wollte. Kurz darauf trat Johann also leichtfüßig in ihr Sprechzimmer und ließ sich auf die Couch fallen, die plötzlich so klein und unbedeutend wirkte, wie selten zuvor. Irgendwie mochte sie Johann, obwohl er ein Vampir war. Das mochte daran liegen, dass er ihr vor kurzem das Leben gerettet hatte. Vivien kräuselte bei diesem Gedanken ein wenig die Stirn. War ihre Entführung wirklich erst ein paar Wochen her gewesen? „Wir haben Dinge von großer Tragweite zu besprechen“, begann Johann und trug eine auffallend ernste Miene zur Schau. Er besaß eine Ausstrahlung, die seine Erscheinung von angenehm in außergewöhnlich verwandelte, und sie konnte verstehen, warum ihre Freundin Christina noch vor kurzem so machtlos gegenüber seinem Charme gewesen war. Er wirkte stets amüsiert und selbstgefällig, doch nicht jetzt. Jetzt wirkte er ernsthaft besorgt. Vivien bemerkte, dass sie auf die Couch zuging, ohne sich bewusst dazu entschieden zu haben, sich überhaupt zu bewegen. Wütend warf sie Johann einen Blick zu und kämpfte mit aller Macht ihres freien Willens gegen den Drang an, sich neben ihn zu setzen. Stattdessen machte sie es sich im Sessel gemütlich. Sie konnte es überhaupt nicht leiden, wenn er von seiner Suggestionsmacht gebrauch machte. „Würdest du bitte damit aufhören.“ Johann warf ihr einen Blick zu, dass alles in ihr darauf erpicht war, ihm zu dienen. Sie schloss die Augen und schüttelte die Gefühle, die in ihr aufwallten, verbissen ab. Es war nicht leicht, sich gegen ihn zu wehren. Immerhin hatte er mehr als dreihundert Jahre Zeit gehabt, um diese Gabe zu vervollkommnen. Dann ließ er von ihr ab, richtete sich auf und begann, nachdem er tief Luft geholt hatte. „Vergangene Nacht traf ich sehr zu meinem Ungemach auf einen Eindringling.“ „Einem Eindringling?“ „Ein anderer Vampir.“ „Tatsächlich?!“ fiel ihr nichts Besseres ein. Johann starrte sie einen Augenblick an, als ob sie in einem Kriegsgebiet ein Picknick für eine Kindergartengruppe organisieren wollte. „Meine Teure, ich wünsche dich in Kenntnis zu setzen, dass ein anderer Vampir in der Stadt weilt, und die Unverschämtheit besaß mich herauszufordern.“ Vivien hatte keine Ahnung was sie davon halten sollte und noch weniger was für eine Tragweite diese Enthüllung hatte. „Und deswegen kommst du zu mir?“ „Nun, welch Worte vermögen meine Belange am besten zu vermitteln? Ich habe Grund zu der Annahme er sei älter als ich selbst. Aus diesem Grunde bin ich geneigt auf den Beistand des Rudels zu bestehen.“
Vivien starrte ihn unwissend an. Sie hatte keine Ahnung, was genau er von ihr erwartete. „Ich fordere den Gefallen, den es mir schuldet.“ „Den Schutz der Werwölfe“, hörte sie sich sagen. Johann sah sie unbewegt an. Er stand stets über den Dingen und umgab sich mit einer Aura von Überheblichkeit und Gelassenheit. Dennoch war da etwas in seinem Blick, eine Aufregung, die sie ehrlich beunruhigte. „Ich darf doch annehmen, dass sie sich noch an ihr Wort gebunden fühlen?!“ Johann neigte sich vor und legte seine Hand leicht auf Viviens Knie. Sein Blick nahm sie nahezu gefangen. Es lag nichts Sexuelles in der Geste, und sein Gesichtsausdruck zeigte tatsächlich so etwas wie Sorge und auch ein wenig Hoffnung. Vivien seufzte, schlug die Beine übereinander, um Johanns Hand abzuschütteln und lehnte sich bequem im Sessel zurück. Der Vampir registrierte den Puls an ihrem Halsansatz. Er hatte zwar erst vorletzte Nacht getrunken, doch der Hunger wuchs bereits wieder. Ihr Duft erfüllte die ganze Praxis, war aber natürlich hier im Sprechzimmer, vor allem von ihr ausgehend, am intensivsten. Johann trat im Rhythmus ihres Herzens auf sie zu. Vivien schluckte gebannt. Als er bei ihr war, streckte er die Hand aus, ergriff Viviens und hauchte die Andeutung eines Kusses auf ihren Handrücken. Keuchend entfloh ihr der Atem aus den Lungen. „Warum sollten Sie?“ wagte Vivien eine kleine Provokation. Der Vampir stockte für einen Moment in seinen Bewegungen, als zöge er die Ablehnung des Rudels für einen Augenblick tatsächlich in Betracht. Dann ließ er ein wissendes Lächeln über seine Züge gleiten, was ihn nicht weniger gefährlich aussehen ließ. „Erik von Thun gab mir sein Wort. Das Wort eines Ehrenmannes.“ Doch Vivien wirkte nicht sehr überzeugt. Trotzig hob sie ihr Kinn und schwieg. Der Vampir hätte niemals eine Veranlassung gesehen bei einem Menschen zu argumentieren, doch in Anbetracht der Situation, in der er sich befand, war er geneigt es dieses Mal zu tun. „Eine Stadt wie diese sollte doch letztlich von einer Schar Obdachloser und fliegenden Händlern, Streunern und dergleichen durchwoben werden, meinst du nicht?!“ Vivien schwieg. Darüber hatte sie in diesem Zusammenhang noch nie nachgedacht. „Fürwahr, diese hier ist es nicht. In den Gassen finden sich wahrlich nur solche, denen nichts anderes übrig bleibt. Und sogar von denen nur verschwindend geringe.“ Vivien starrte ihn wie erschlagen an. „Weil du diese Stadt ‚sauber’ hältst? Weil du dich von denen ernährst, die am wenigsten haben? Soll mich das etwa auf deine Seite ziehen?“ geriet Vivien aus der Fassung. Sie flüsterte fast, so entsetzt war sie über das Szenario, dass Johann ihr soeben aufgezeigt hatte. „Nicht doch!“ lachte er auf und wehrte diese Schlussfolgerung mit einer ausschweifenden Geste seiner Hand ab. „Das so viel Ungemach in deinem hübschen Köpfchen umgeht, welch Untiefen dein schöner Geist beherbergt“, machte er sich beinahe über sie lustig. Vivien starrte ihn weiter an. Sie gab sich wirklich Mühe seinem Blick standzuhalten. Der Drang zu Boden zu sehen oder ihre Hände zu betrachten, überwältigte sie beinahe. Seine Augen hatten diese hellblaue Farbe, an die sie sich nur zu gut erinnerte, als er sich von ihr genährt hatte. Ein Frösteln überlief ihr Rückgrat. „Wiewohl ich hinweisen wollte, dass selbst das Lumpenpack in dieser Stadt die Anwesenheit des Jägers spürt. Ihr Instinkt gemahnt sie, dass etwas Bedrohliches, etwas Übernatürliches umgeht.“ Schweigen erfüllte den Raum. „Ich versichere, in mir mögt ihr gewiss das geringere Übel zu sehen.“ Seine Stimme und sein Lächeln waren offenkundig falsch. Er fixierte sie mit seinem Blick und Vivien spürte, wie der Drang in ihr aufstieg, ihn anzusehen. Gebannt lauschte sie seinen Worten. „Ich verrate dir etwas, meine Teure. Ein Geheimnis.“ Er machte eine kleine Kunstpause, um die Spannung zu erhöhen. „Die Errungenschaft der Neuzeit. Die Blutbank“, ließ er seine Worte wie einen Schauder über sie gleiten, während er sie noch immer fixierte. Erst nachdem er erkennt hatte, dass sie erleichtert aufatmete, senkte er den Blick und tat, als ob er seine manikürten Fingernägel prüfte. „Obschon ich stets aufs Neue betonen möchte, dass dies ausschließlich als Quell des Überlebens gereicht. Die Berauschtheit, die einhergeht mit dem Genuss in lebendes Fleisch zu gleiten, den Herzschlag zu spüren, wie er gemächlich versiegt und das aufreizende Gefühl Herr über Leben und Tod zu sein, vermag die Blutbank gewiss nicht zu erfüllen.“ Jetzt sah Johann wieder zu ihr hinab, fixierte sie und hielt sie mit seinem Blick wieder gefangen.
„Ich gestatte mir dem gelegentlich abtrünnig zu werden, gönne mir nur gelegentlich den Genuss eines Menschen, dessen Leben ich jedoch mit Verlaub verschone. Was glaubst du, meine Teure, wird geschehen, wenn ein Vampir, der die Menschen dieser Stadt lediglich als Beute erachtet, hier Einzug hält?“ Vivien schüttelte stumm den Kopf und erweckte nicht gerade den Eindruck, als wolle sie die Antwort wirklich hören. „Er wird erbarmungslos auf die Jagd gehen!“ presste er die Antwort mit einem leichten Kopfnicken in einem schaurigen Flüsterton hervor, so dass sich Viviens Nacken mit einem Schauer überzog. Sie brachte noch immer keinen Ton hervor. „Ich gestehe, auch ich gebe mich zuweilen als ein verkleideter Wolf, der sich unter die Schafe begibt. Gleichwohl du deinem Wolf versichern solltest, ich sei die bekannte Größe. Eine bekannte Größe, die einen Gefallen einfordert.“ Seine Gesichtszüge hatten sich bei seinem letzten Satz verhärtet. Sein Blick wurde eisig. Er machte keinen Hehl daraus, dass er eine Ablehnung nicht akzeptieren würde. „Ich werde es ihm ausrichten.“ Viviens Stimme zitterte ebenso wie ihre Knie. Natürlich war Johann eine Größe, der sie bereits gegenübergestanden hatte. Doch als bekannte Größe würde sie den Vampir sicher nicht bezeichnen. Sie wurde einfach nicht schlau aus ihm. Noch vor kurzem hatte er ihre beste Freundin als Druckmittel gegen sie benutzt. Etwas, das Vivien ihm nie verzeihen wollte, und das ihr mehr Angst gemacht hatte, als sie zugeben würde. Doch da war auch etwas anderes, das sie beobachtet hatte. Da war in Bezug auf Christina beinahe etwas Zärtliches, Liebevolles in seinen Handlungen gewesen, dass Vivien mehr irritierte, als ihr lieb war, und das definitiv für ihn sprach. Von der Rettung ihres eigenen Lebens aus den Klauen einer schrecklichen Sekte ganz zu schweigen. Das die von Thuns in seiner Schuld standen lag daran, dass er Hanna, eine von Eriks Schwestern das Leben gerettet hatte. „Dann werden wir uns alsbald wiedersehen, wie ich annehmen darf“, schloss er die Unterredung indem er sich erhob. Johann sah, wie ihre Miene sich vor Erleichterung über das Einläuten seines Aufbruchs veränderte, und lächelte. „So darf ich darauf hoffen, euch morgen nach Sonnenuntergang im O’Brian anzutreffen? Gewiss ist dir die Gaststätte bekannt?“ Vivien nickte verwundert. „Um acht Uhr.“ Er ergriff ihre Hand und zog sie mit einer fließenden Bewegung auf die Füße. Vivien konnte spüren, wie er sich ganz auf sie konzentrierte, abermals ihren Duft einsog, als ob er ihn sich merken wollte. Seine Hand war kalt und fest. Vivien zweifelte nicht einen Augenblick daran, dass er ihr damit alle Knochen brechen könnte. Doch stattdessen führte er ihre Hand an seine Lippen und hauchte sehr sanft einen Kuss darauf. „Ich erwarte dich, meine Teure.“ * Es war schon spät als das Taxi vor der Villa hielt, die seiner Familie hier gehörte. Schweigend betrat Erik das Anwesen über den alleebegrenzten Kiesweg. Müde schleppte er sich die Treppe hoch und ließ sich von Lin Poo, dem livrierten Vertrauten seiner Schwester, sein Zimmer zeigen. Das Bett war frisch bezogen und bereits aufgeschlagen, so dass er sich lediglich hineinfallen lassen musste. „Wie geht es ihr?“ fragte Erik den Eurasier. „Gut, es geht ihr immer gut.“ Erik lachte auf. Ja, Fiona war ein Charakter, dem es auch gut ging, wenn es mal nicht so gut lief. Erik war dennoch froh, dass sie jemanden an der Seite hatte, wie Lin Poo. Während Erik im Bad verschwand, sorgte Lin Poo dafür, dass sein Koffer ausgepackt wurde. „Ich danke dir, Lin Poo.“ Der Eurasier nickte und verschwand zur Tür hinaus. Er war eine Art Kammerdiener. Absolut vertrauenswürdig, absolut Werwolf. Erik verweilte einen Augenblick. In der Familienresidenz roch es nach Bohnerwachs, trockenem Holz, edlem Stoff, Staub und natürlich nach Werwolf. Der Geruch steckte überall, selbst in den Wänden. Doch ein Geruch fehlte ihm. Viviens Geruch. Er bedauerte, dass sie jetzt nicht hier bei ihm war, und das nicht nur wegen des Sex. Er vermisste sie mit jeder Pore, und selbst die Aussicht die ganze Nacht hindurch in seiner Wolfsgestalt umhertollen und herumtoben zu können tröstete ihn nicht über die Sehnsucht hinweg. Das erschreckte ihn. Wieder einmal wurde ihm schmerzlich bewusst, wie sehr er diese Frau liebte. Doch das war nur ein Grund mehr sie nicht mitgenommen zu haben. Er wollte sie dringend aus der Gefahrenzone halten, und die größte Gefahrenzone war nun mal in seiner Nähe. Ein bittersüßes Lächeln legte sich auf seine Züge, als er ihre Nummer wählte
* Als Mark endlich seine Wohnung erreichte, war er total erschöpft, und alles, was er sich jetzt wünschte, war eine heiße Dusche und ein paar Bier. Er verriegelte die Tür, zog Jacke und Holster mitsamt seiner Waffe aus und hängte sie über den Küchenstuhl, bevor er in das kleine Wohnzimmer ging. „Hey Süße“, begrüßte er Sina, die sich auf dem Sofa zusammengerollt hatte. Sie war eingeschlafen, während sie auf ihn gewartet hatte. Als sie ihn sah lächelte sie erfreut, runzelte dann jedoch die Stirn. „Du siehst mies aus.“ „Danke“, grinste er. Sie streckte die Hand aus, und zog ihn zu sich, um ihm seinen Begrüßungskuss zu geben. Diese Frau war auf aggressive Weise schön. Ihr Haar glänzte wie schwarze Seide und er konnte einfach nicht begreifen, warum sie sich auf ihn eingelassen hatte. „Wann hast du zuletzt was gegessen?“ fragte sie dann. Er zuckte die Schulter und rieb sich die müden Augen. „Richtiges Essen“, bohrte sie. „Nichts aus einer Schachtel.“ „Ich weiß nicht.“ Sina schüttelte den Kopf und ging in die Küche, während sich Mark allein auf dem Sofa ausstreckte. „Zuerst Abendessen, dann Schlafen!“ kommandierte sie, während sie etliche Scheiben Roastbeef auf das Brot, das vor ihr auf dem Teller lag, häufte. Als sie mit dem gut gefüllten Teller zurückkam, blickte er sie finster an. „Kinder haben heute eine Leiche gefunden. Die kleinen werden den Anblick nicht so schnell vergessen“, erzählte er. „Eine Leiche?“ „Ja, eine Frau. Sie lag schon längere Zeit in dem Waldstück hinter dem Haus, in dem die Kinder wohnen. Sie suchten nach ihrem Hund und… fanden den Tod.“ Mark biss lieblos in eines der Brote, die Sina auf einem großen Teller drapiert hatte. Er kaute den Bissen hastig durch und spülte ihn mit einem großen Schluck Bier hinunter. Sina sah ihm eine Weile zu und hörte sich an, wie er ihr die Tatsachen seines neuen Falls vorlegte, ohne sie durch eigene Betrachtungen und Vermutungen auszuschmücken. „Und du glaubst, es war einer von uns.“ „Na ja. Es war auf jeden Fall ein großes Tier, würde ich sagen oder ein Irrer in einem Freddy-Krüger-Kostüm“, versuchte er die angespannte Situation mit ein wenig Humor zu entschärfen. „Wer ist Freddy Krüger?“ „Nightmare on Elm Street?!“ versuchte er ihr Gedächtnis aufzufrischen, doch sie schüttelte noch immer mit gekräuselter Stirn den Kopf. Mark seufzte und winkte ab. „Ist so eine Filmgestalt.“ Sie wirkte besorgt. Mark presste für einen Moment die Lippen zusammen, als hielte er krampfhaft die nächsten Worte zurück. „Habe ich dir erzählt, dass die Kehle zerfetzt war und der Unterkiefer fehlte?“ „Ja, hast du.“ „Und habe ich dir von der gigantischen Bauchwunde erzählt?“ „Ja, das hast du“, seufzte sie. „Dann kannst du dir ja vorstellen, warum ich dabei an ein wildes Tier oder einen Freddy-Krüger-Typen denke.“ Sina seufzte. „Ich kenne deinen Freddy Krüger nicht, aber ich kenne ein paar Werwölfe, nur hat keiner von ihnen eine Frau in einem Waldstück zerfleischt.“ „Das habe ich auch nicht gesagt.“ „Ich weiß“, starrte Sina mit funkelnden Augen zurück. Einen Moment sahen sie einander schweigend an. „Dann können wir ja jetzt endlich unter die Dusche gehen, nicht wahr?“ schlug sie mit sprühenden Augen und einem verkniffenen Lächeln vor. „Ja, das können wir“, ahmte er ihren Tonfall nach, trat zu ihr und küsste sie hart und leidenschaftlich. * Vivien stand seit etwa einer halben Stunde vor dem Fenster und starrte in die Dunkelheit. Ihr war, als stünde sie direkt vor einem tiefen Abgrund. Unablässig trieb der Wind den Nieselregen gegen die bodentiefen Scheiben und verwischte das Geschehen außerhalb zu einem grauen Einerlei. Trotzdem konnte sie nicht aufhören auf ihren terrassenartigen Balkon zu starren. Mit verschränkten Armen stand sie leicht fröstelnd in ihrer Wohnung und ließ ihre Gedanken schweifen. Warum fuhr Erik ausgerechnet jetzt fort, wo sie ihn doch nach ihrer Entführung so dringend brauchte? Erik, ihr Erik, nach dem sie sich mit einer nahezu absurden Intensität sehnte. Er war der ungewöhnlichste Mann, dem sie
jemals begegnet war, und sie waren einander begegnet, als sie schon glaubte nichts und niemand könnte sie mehr überraschen. Er war ein Werwolf, und hatte sich ihr auch in seiner animalischen Gestalt gezeigt. Sie vertrauten einander, sie liebten einander und doch war er fortgegangen. Einfach so. Vivien rieb sich das Gesicht, dann schüttelte sie den Kopf, um ihre Gedanken zurecht zu rücken. Da zerbrach sie sich den Kopf über die Hintergründe von Eriks Reise, wo sie doch wirklich Wichtigeres zu bewältigen hatte. Da war der besorgniserregende Besuch des Vampirs in ihrer Praxis und dessen Forderung nach Schutz und Beistand. Es war offensichtlich ein weiterer Vampir in der Stadt, und dann waren da noch dieser entsetzlich verstümmelte Leichnam und die traumatisierten Kinder. Das Klingeln des Telefons ließ sie erschrocken zusammenfahren, obwohl es exakt das Geräusch war, auf das sie so sehnlichst gewartet hatte. „Hallo Kleines. Wie war dein Tag?“ Erik. Viviens Herz machte einen kleinen Sprung. Seine Stimme war so fest und wohlklingend wie immer, ohne jede Spur von Unsicherheit. „Es tut so gut deine Stimme zu hören“, war ihre Antwort. Lächelnd setzte sie sich aufs Sofa. Endlich konnte sie sich etwas entspannen. Auch wenn er weit fort war, überkam sie mit einem Mal das trügerische Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. „Was ist los?“ hatte er längst am Klang ihrer Stimme erkannt, dass etwas vorgefallen war. Vivien seufzte. Eigentlich wollte sie jetzt nicht über das sprechen, was dieser furchtbare Tag ihr beschert hatte. „Du fehlst mir. Wie war der Flug?“ versuchte sie das ernste Gespräch möglichst lange herauszuzögern. „Vivien, sag schon. Ich höre dir an, dass etwas passiert ist.“ Wieder seufzte sie. „Mark hat mich heute zu einem Fall konsultiert. Die Leiche einer ziemlich schlimm zugerichteten Frau wurde von zwei kleinen Kindern im Wald gefunden. Ich…“ „Verdammter Vampir“, fuhr Erik sofort auf. „Nein, nein. Es war nicht der Vampir. Es war… keine Ahnung. Es war wohl ein Tier oder so. Aber die Kinder waren natürlich vollkommen verstört und ich habe…“ „Was für ein Tier?“ war Erik sofort aufmerksam. „Das weiß ich nicht. Mark sagte, die Ermittlungen seien noch nicht abgeschlossen.“ Schweigen. „Ich traf den Vampir heute“, ging Vivien das andere Thema jetzt doch direkt an. Es half ja nichts Zeit zu schinden. Sie würden erst zu dem netten Teil des Gesprächs kommen, wenn die ernsten Themen angesprochen worden waren. Sie war ohnehin zu nervös, was das übergenaue Werwolfsohr natürlich deutlich aus ihrer Stimme heraushörte. Das war eine Eigenschaft die Vivien gar nicht an ihm schätzte. „Was? Wo? Er hat doch nicht…“ „Nein, nein. Alles in Ordnung. Ich meine…“ Vivien unterbrach sich selbst, atmete tief durch und begann den Satz von neuem. „Ich fuhr in die Praxis, um Notizen wegen der Kinder zu machen. Da hat er auf mich gewartet.“ Eisiges Schweigen am anderen Ende der Leitung. „Was wollte er von dir?“ knurrte Erik schließlich mit rauer Stimme. Sie hörte deutlich, wie sehr er bemüht war sich zu beherrschen. „Von mir wollte er gar nichts. Er wollte was von dir.“ „Was? Was wollte er?“ „Schutz. Ich glaube, er wollte den Schutz des Rudels. Er nannte es einen Gefallen, den er einfordern wollte.“ „Warum das? Wovor sollte ich ihn schützen?“ Das war eine gute Frage. Vivien kannte die Antwort. „Da ist ein Eindringling.“ „Ein Eindringling? Was zum Teufel soll das bedeuten? Vivien jetzt sag schon!“ Ihm gefiel das gar nicht, denn er war weit fort von ihr und konnte sie nicht beschützen. Er würde sofort Goran, dem Leibwächter des Rudelführers, bitten seinen Sohn, Dmitrij, abzustellen, damit er auf Vivien Acht geben konnte. „Was genau wollte er?“ „Das sagte ich doch: Schutz.“ „Dieser verdammte Blutsauger!“ knurrte Erik wütend, „Warum kommt er damit ausgerechnet zu dir? Und warum war er in der Praxis?“ „Er sagte was von einem anderen Vampir, dem er allein wohl nicht gewachsen ist und bat um den Schutz des Rudels.“ „Und wie soll das gehen? Was genau erwartet er?“ „Keine Ahnung. Ich soll mich morgen mit ihm treffen.“ „WAS? Auf keinen Fall!“ schrie Erik aufgebracht.
„Ich treffe mich mit ihm an einem öffentlichen Ort. In einem Club“, versuchte sie ihn zu beruhigen. „Das gefällt mir nicht.“ „Mir auch nicht, aber ich habe es versprochen.“ Schweigen. Langes Schweigen. Sie konnte ihn förmlich denken hören. „Okay, dann nimm aber Sina mit und Goran“, verlangte er. Vivien seufzte. Gegen Sina hatte sie natürlich nichts einzuwenden. Sie mochte die junge Wölfin. Bei Goran war es etwas anderes. Er flößte ihr Angst ein. Obwohl sie wusste, dass er für die Sicherheit der von Thuns verantwortlich war, gruselte es ihr vor ihm. „Du bist wütend“, stellte sie dann bedauernd fest. „Nein, ich sorge mich nur“, korrigierte er sie. Vivien hatte jetzt keine Lust mehr sich über den Vampir Gedanken zu machen. „Oh, du bist so sexy, wenn du wütend bist“, schwenkte sie also einer plötzlichen Eingebung folgend um, was ihn einen Moment lang aus der Fassung brachte. „Was? Lass das!“ knurrte er ungehalten und Vivien konnte hören, dass sich seine Gedanken überschlugen. Das nächste was er vernahm war ihr glucksendes Lachen, hell und sexy. „Vivien, bist du noch da?“ Er war extrem angespannt, stand noch immer sehr unter Stress. „Nein, Vivien ist jetzt fort, aber ich bin für dich da. Ich bin die Frau deiner Fantasien. Wer soll ich denn für dich sein?“ wisperte Vivien in den Hörer, unwissend, ob es ihm gefallen oder er vollends vor Wut überschäumen würde. Er schwieg am anderen Ende der Leitung. Vivien schluckte. Sie hatte keine Ahnung ob ihm ihr kleines Ablenkungsmanöver Recht war, aber sie musste das jetzt durchziehen, wollte keinen Rückzieher machen. Es war einen Versuch wert, und sie wollte es jetzt wissen. Immerhin würden sie sich für eine Weile nicht sehen, da mussten Alternativen her. Alternativen, mit denen sie sowohl ihn als auch sich selbst beruhigen und ablenken konnte. Alternativen, mit denen sie sich weiterhin Nahe sein konnten. „Vivien? Was redest du da? Lass den Quatsch, ich erkenne doch deine Stimme.“ „Ich bin deine Telefongeliebte“, säuselte sie und erntete wieder einen Moment des Schweigens. „Ist das so?“ hörte sie endlich ein Lächeln in seiner Stimme. Er schien es sich irgendwo bequem zu machen und Viviens Lächeln wurde breiter. Sie war ziemlich nervös, freute sich aber auf die nächsten langen Minuten. „Wenn ich schon deine Stimme höre, werde ich an bestimmten Stellen ganz heiß“, leitete sie entschlossen das Gespräch ein. Ihm gefiel die Zärtlichkeit in ihrer Stimme, die sich mit ein wenig Verruchtheit mischte. „Okay, Kleines. Lass uns ein Spielchen wagen“, machte er sich bereit. „Oh, ja. Ich werde dir den schmutzigsten, schärfsten Anruf machen, den wir beide je gehabt haben.“ Sie klang sehr verführerisch, ihr Atem war lauter als zuvor. „Ich habe von dir geträumt. Ich habe mir vorgestellt, wie deine Hände über meinen Körper gleiten, wie deine Finger meine Haut streicheln…“, flüsterte sie mit sinnlicher Stimme. „Was hast du an?“ Vivien verdrehte die Augen bei dieser öden Standardfrage. Irgendwie brachte sie das aus dem Konzept und sie musste sich konzentrieren, um wieder hineinzufinden. Aber schließlich war noch kein Meister vom Himmel gefallen. „Ich habe eine umfangreiche Garderobe. Was willst du an mir sehen?“ überließ sie ihm die Wahl der Waffen. „Seide“, entschied er sofort. „Du weißt wie seidig meine Haut ist, aber für dich habe ich jetzt einen Teil meiner heißen Haut unter einem schwarzen, französischen Seidenhöschen und ein schwarzes Negligé aus reiner Seide verhüllt. Oh, ich liebe das Gefühl von reiner Seide auf meiner Haut. Sie umspielt mich sanft, siehst du es vor dir?“ „Ja, die Seide reibt sich an deinen Brustwarzen, so wie es meine Finger täten, wenn ich jetzt bei dir wäre“, brachte er sich ein. Vivien keuchte leise. „Aber noch darfst du mich nicht berühren. Leg dich zurück und lass dich von mir ausziehen“, fuhr sie fort, und hoffte, dass er noch nicht ausgezogen war, oder wenn doch, genügend Fantasie aufbrachte, um dennoch in Stimmung zu kommen. „Jetzt fahre ich mit den Händen unter dein Hemd, sie streichen über deine Brust, streicheln deine Haut. Das ist so gut“, behauptete sie. „Ich setze mich auf dich und knöpfe dein Hemd auf. Ganz langsam Knopf für Knopf. Ich beuge mich über dich und meine Brüste streichen über deine Brust. Es regt dich auf, mich so zu sehen, nicht wahr?“ „Ja, ich kann es kaum erwarten dich zu berühren“, sagte er heiser.
Sie kannte diesen Ton. Er war erregt und schon spürte sie, wie sich ihre eigene Erregung steigerte. „Ja, berühre mich. Sag mir, was du mit mir anstellen willst…“ Ihre Stimme dröhnte in seinen Ohren und dann sagte er, was er mit ihr machen würde. Es gab keine Hemmungen mehr zwischen ihnen. Sie schlossen die Augen und ließen ihren Gedanken freien lauf. Sie stöhnten, da die eigenen Worte, die dazu gedacht waren den jeweils anderen zu erregen, sie selbst ebenso erregten. Schon bald waren ihre Worte nur noch ein Stöhnen, sie verloren die Kontrolle über sich, gaben sich der Raserei hin, bis sie beide den Punkt erreichten, in dem sich alles entlud. Einen Moment herrschte wohliges Schweigen. Dann folgte ein leicht beschämter Moment. „Das war…“, fand Erik als erster seine Sprache wieder. „…unglaublich“, beendete Vivien schnell seinen Satz. Ihr Herz raste noch immer. „Hey, ich vermisse dich so“, sagte sie ehrlich. „Na ja. Dann müssen wir wohl öfter telefonieren.“ Vivien konnte nur allzu deutlich in seiner Stimme das breite Grinsen hören. „Ja, das könnte Spaß machen“, grinste sie auch von einem Ohr bis zum anderen. Erik räusperte sich. „Nur das nächste Mal sollte ich nicht im Büro sein, wenn du so was mit mir machst. Die Mitarbeiter drücken sich noch immer die Nase an der Fensterfront vom Großraumbüro platt.“ „Was? Du meine Güte“, keuchte sie erschrocken auf. Natürlich hatte sie angenommen, dass er bereits Zuhause war und… „Moment mal. Du Schuft. Du bist gar nicht mehr im Büro und wenn, dann bist du da ganz allein“, vermutete sie. Jetzt lachte Erik schallend los. Es war sein ansteckendes, lautes Lachen, und sie konnte sich kaum zwei Sekunden beherrschen, da fiel sie mit ein. „Aber zuerst bist du darauf hereingefallen“, zog er sie noch immer lachend auf. Doch während ihr Lachen noch im Raum hing, ahnte Vivien nicht, dass genau in diesem Moment jemand begann, nach ihr zu suchen. 2. November „Die Dunkelheit lag noch schwer auf der Stadt, als Anna die Tür hinter sich schloss und sich auf ihren frühmorgendlichen Lauf machte. Sie machte das jetzt seit einem halben Jahr, denn sie trainierte für den City-Marathon, der in ein paar Monaten durchgeführt wurde. Außerdem hatte sie das Rauchen aufgegeben und das Laufen half dabei ihre Sucht zu bekämpfen. Es war eine Art Ersatzdroge geworden. Obwohl es erst sechs Uhr morgens und noch stockdunkel war, trabte sie frohen Mutes los. Ihre Fußsohlen klatschten im gleichmäßigen Rhythmus auf den feuchten Asphalt. Es hatte geregnet, war jetzt jedoch trocken. Nach einer Weile bog sie auf einen Sandweg, der quer durch den Stadtpark führte. Zwar war hier morgens noch nichts los, doch das machte ihr nichts. Im Gegenteil. Sie hatte sich extra für die Wintermorgende eine Kopflampe gekauft, die allerdings nur einen schmalen Kreis ausleuchtete. Im Ohr hatte sie einen Knopf, der sie mit ihrem Smartspeaker verband und ihr Softrock ins Gehör dröhnte. Herrlich! Beim Laufen war alles so rein und klar. Die Welt reduzierte sich auf das rhythmische Federn ihrer Füße auf dem Sandweg und ihre gleichmäßigen Atemzüge. Anna machte einen Satz über eine Furche im Weg ohne ihren Takt zu unterbrechen. Sie folgte einem Pfad, der etwas abseits lag und in das nahegelegene Waldgebiet führte. Das war ihre Lieblingsstelle. Als sich die knorrigen Äste der Bäume über ihr schlossen spürte sie ein Wohlbehagen. Hier war nichts anders als am Tag, nur dass es eben dunkel war. Das war schon alles, und dagegen trug sie ja die Lampe, denn sie wollte schließlich nicht stürzen. Als der Weg holperiger wurde, verlangsamte sie ihren Lauf, da man in dem spärlichen Licht zu leicht über die Wurzeln stolpern konnte, und was sie überhaupt nicht gebrauchen konnte, war ein Bänderriss, eine Verstauchung oder womöglich einen Bruch des Sprunggelenkes. Anna war nicht sicher, wann das Unbehagen einsetzte, ob mit dem Erreichen des schmalen Stolperpfades oder dem Ende ihrer Playlist. Das ungute Gefühl schlich sich ganz unterschwellig in ihr Bewusstsein. Sie hatte schon öfter so ein Gefühl gehabt und zwar immer dann, wenn ihre Katze sie heimlich beobachtete. Ein Mensch spürte es irgendwie, wenn er beobachtet wurde. So auch jetzt. Sie war nicht alleine hier.
Unwillkürlich blieb sie stehen und zog die Stöpsel aus ihren Ohren. Der Wald war unnatürlich still. Da war kein Vogelgezwitscher, kein Zirpen oder Summen. Nicht einmal die Zweige rauschten im Wind. Geräuschvoll stieß sie den Atem aus und sah sich um. Da lagen nur der schwarze Morgen und der dunkle, schattige Wald um sie herum. Dennoch wirkte das Szenario plötzlich bedrückend auf sie. Anna holte aus ihrer Jackentasche die kleine Dose Pfefferspray. Nun war sie gewappnet und versuchte das Gefühl zu ignorieren. Sie lief weiter. Doch es half nichts. Da war etwas. „Vermutlich nur ein Fuchs“, redete sie sich gut zu. Das dumpfe Geräusch ihrer Schritte auf dem Pfad klang in der Stille irgendwie seltsam laut. Sie unterdrückte den Impuls sich umzudrehen, obwohl sie sich beinahe sicher war, dass hinter ihr jemand war. Ihr Nacken kribbelte förmlich. „Jetzt sei nicht albern und dreh nicht durch“, schalt sie sich und lief tapfer weiter. Sie stellte sich vor, wie sie von einem Reh beäugt wurde. Doch das, was sie fühlte, fühlte sich nicht an wie ein Reh, eher wie ein Raubtier. Da. Plötzlich begann ihr Herz zu rasen. Da war etwas. Ganz deutlich. Sie hatte ein Knurren gehört. Ein herrenloser Hund vielleicht, der Jagd auf Hasen und auf kleine hilflose Joggerinnen machte. Gut, das sie ihr Pfefferspray dabei hatte. „So ein Blödsinn!“ schalt sie sich wieder und zwang sich weiter zu laufen und nicht auf die Geräusche des Waldes zu achten. Selbst wenn hier Hunde waren, dann hatten sie sie bisher noch nie angegriffen. Es stand auch nichts in der Zeitung, also bestand jetzt auch keine Gefahr für sie. Wütend über sich selbst trieb sie sich dennoch zur Eile. „Gleich werde ich mich mit einem Frühstück belohnen“, versprach sie sich. Weiter setzte sie Fuß vor Fuß. Laut klatschten ihre Sohlen auf den Waldboden. Der Wald schien gebannt seinen Atem anzuhalten. Unbeirrt setzte sie ihren Weg fort. Da raschelte es wieder im Gebüsch und ein seltsamer Laut erklang, als ob jemand mit einer Rute durch die Luft schnitt. Als ob ein schwerer Vogel durch die Äste brach. Das Geräusch verursachte ihr eine Gänsehaut. Anna riskierte einen kurzen Blick, gerade lang genug, um nur dunkle Äste und den Pfad zu sehen und zwei leuchtende Augen. Sie stolperte, ruderte mit den Armen, um ihr Gleichgewicht zu finden, und schaffte es mit rasendem Herzen, aufrecht zu bleiben. In wilder Flucht legte sie einen Zwischenspurt ein und versuchte so viel Platz zwischen sich und dem dunklen, unheimlichen Leuchten zu bringen, wie es ihr möglich war. Nur wenige Minuten und sie wäre wieder im gepflegteren Teil des Parks. Zweige peitschten sie, als sie an ihnen vorbei rannte. Rhythmus und Takt spielten nun keine Rolle mehr. Der Fluchtinstinkt hatte ihre Bewegungen vollständig übernommen. Sie wollte einfach nur weglaufen. Nur noch eine Biegung des Trampelpfades, dann hätte sie es geschafft. Sie keuchte beim Laufen, warf immer wieder einen hektischen Blick zu den Bäumen auf beiden Seiten und erwartete jeden Augenblick, dass sich ihr jemand in den Weg stellen oder sie seitlich packen würde. Und dann geschah es. Etwas sprang aus dem Wald hervor und schnappte nach ihrem schwingenden Arm. Sie stürzte, kippte seitlich weg vom Aufprall niedergestoßen, und alle Luft wich ihr aus den Lungen. Ein Schatten fiel auf sie, und dann kam der Schmerz. Es war ein Schmerz, der sich wie ein Schraubstock in ihre Kehle bohrte. Geräuschvoll strömte die Luft durch ihre Kehle. Sie wehrte sich mit all der Kraft, die ihre Arme und Beine aufbringen konnten, doch der Schmerz schien sich in ihre Kehle zu verbeißen. Fassungslosigkeit breitete sich in ihr aus. Dann wurde es dunkel. * Die Tagesnachrichten brachten den Fund der Leiche als Aufhänger. Verstümmelte Leiche gefunden! Es prangte sogar ein Farbfoto des Leichensacks über die Hälfte der Seite. Zwei kleine Kinder machten beim Spielen die grausige Entdeckung. Vivien warf ihr Tablet in die oberste Schublade ihres Schreibtisches zurück und ging ins Wartezimmer, um ihren ersten Termin zu begrüßen. „Laura, Du siehst fabelhaft aus.“ Die junge Frau ergriff die Hand, die Vivien ihr entgegenstreckte und folgte ihr ins Sprechzimmer. „Ich werde ihre Zeit nicht lange in Anspruch nehmen“, begann die dunkelhaarige Zwanzigjährige. Vivien machte eine abwehrende Handbewegung und setzte sich auf den Sessel gleich gegenüber der Couch, auf der die junge Frau Platz nahm. Zunächst erkundigte sie sich nach ihrem Studium, dass sie erst vor einigen Wochen begonnen hatte. Laura war vor sechs Jahren als Viviens erste Patientin in die Praxis gekommen. „Ich habe jemanden kennengelernt“, verriet sie die große Neuigkeit. Vivien antwortete nicht, sondern nickte nur, so dass sich Laura gezwungen sah, etwas hinzuzufügen. „Einen Mann.“
Sie trommelte dabei mit den Fingern gegen die Kleenexpackung auf dem kleinen Tisch, als wollte sie die Bedeutung ihrer Worte unterstreichen. Eine stille Freude legte sich über Lauras Züge. „Ist es schon lange her, dass du diesem Mann begegnet bist?“ versuchte Vivien das Ausmaß dieser Beziehung einzugrenzen. „Morgen ist es eine Woche her. Ich weiß, das hört sich nicht besonders lang an, aber es kommt mir so vor, als würden wir uns schon ewig kennen.“ „Warum klingt es so, als wäre es ein Problem?“ Laura sah sie einen Moment schweigend an, ehe sie antwortete. „Er ist achtzehn Jahre älter als ich, ist verheiratet und hat ein Kind.“ Vivien nickte. „Was ist bislang zwischen euch vorgefallen, Laura?“ Die junge Frau sah zu ihr auf. Ihre Augen waren groß, wie die unschuldigen Augen eines Rehs. „Wir haben uns unterhalten. Im Restaurant. Es war eine sehr schöne Unterhaltung. Ich habe den ganzen nächsten Tag an ihn gedacht, habe versucht ihn aus dem Kopf zu kriegen, doch vergebens. Abends bin ich wieder in das Restaurant gegangen, und da war er. Wir aßen zusammen, redeten…. Er erzählte mir von seiner Frau und seinem Sohn. Ich wusste, es darf nicht sein. Ich habe ernsthaft versucht ihn zu vergessen, doch als ich ihn am nächsten Abend wiedergesehen habe, ist es nur noch intensiver geworden.“ „Intensiver?“ „Wir haben uns geküsst.“ Vivien neigte sich zu ihr hinüber und legte sanft ihre Hand auf Lauras Knie. „Ich möchte, dass du über zwei Fragen nachdenkst, bevor du dich das nächste Mal mit ihm triffst“, sagte Vivien eindringlich, und Laura nickte eifrig. „Erstens: Was will er von dir?“ Vivien wartete einen Moment und ließ die Frage etwas sacken. Laura beantwortete sie nicht. Anscheinend war ihr nicht klar, was genau er von ihr wollte. „Er scheint all das zu vereinen, was man von einem Mann in seinem Alter erwarten kann. Und da komme ich zu meiner zweiten Frage: Was willst du von ihm?“ „Ich will mit ihm zusammen sein“, antwortete sie wie aus der Pistole geschossen. „Vielleicht ist der Grund, warum du mit ihm zusammen sein willst, weil er nicht frei ist, weil er sich nicht an dich binden kann oder will. Vielleicht ist das ein Versuch den Schmerz in dir zu überdecken, Laura?“ Laura sah auf ihre Armbanduhr und sprang auch schon auf. Mit einem aufgesetzten Lächeln blickte sie auf Vivien herab, die sich noch nicht aus ihrer sitzenden Position herausbewegt hatte. Sie wartete ab, was Laura als nächstes tun würde. „Ich muss jetzt los. Eine Vorlesung“, erklärte Laura. Sie log. Vivien konnte die Lüge an ihrer Körperhaltung ablesen. „Gut, wie du willst. Wir sehen uns dann nächste Woche“, nickte Vivien ihr zu. Schon war Laura entschwunden. Vivien blieb nachdenklich zurück. Das alles sah Lauras Krankheitsbild zwar ähnlich, doch war sie seit fast einem Jahr nicht mehr in dieser Weise auffällig gewesen. Seufzend vervollständigte sie die elektronische Patientenakte, machte einige handschriftliche Randbemerkungen in ihre Mappe, schloss die Datei und versetzte den Computer in den Ruhezustand. Es war halb zwölf und der nächste Patient würde erst nach der Mittagspause kommen. Sie hatte endlich mal etwas Zeit, als das Telefon klingelte. „Dr. Kramer? Sie sind gestern bei den Heigels gewesen?“ erklang eine geschäftige Frauenstimme durch den Hörer. „Ja?!“ gab Vivien Auskunft ohne zu ahnen, worum es der Anruferin ging. „Können Sie bitte kommen? Tim lässt sich kaum beruhigen.“ * Es war Montagmorgen, zehn Uhr dreißig. Als sich die Fahrstuhltür öffnete, stand Mark gerade am Kaffeeautomat. „Hey, Dornröschen. Ich hoffe, wir haben uns heute mal so richtig schön ausgeschlafen“, begrüßte er seinen jungen Kollegen, der, wie es schien, erst jetzt aus dem Bett gekommen war. Kolja sagte kein Wort. Er starrte ihn nur an und ging an ihm vorbei den Flur hinunter. Die Tür zu den Waschräumen fiel mit einem Klick ins Schloss. Auch Mark war völlig erledigt. Er hatte nicht viel Schlaf gefunden. Sina hatte ihn nicht gelassen und natürlich hatte er sich nicht dagegen gewehrt. Sie war ein echter Wildfang, und er liebte jede Sekunde in der sie beisammen waren. Bei dem Gedanken an sie erhellte sich sein Gesicht. Zufrieden ging er in sein Büro zurück, die Tür ließ er geöffnet, da Kolja unmittelbar nachfolgte. „Na? Lange Nacht gehabt?“ grinste Mark…
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