Leseprobe
Die Erleuchteten
ein Thriller
von Kirsten Reko
Kapitel 1
1. Kapitel Der Regen fiel in Strömen, gepeitscht von seitlichen Böen. Es regnete schon den ganzen Tag, was typisch für den Oktober war. Die Scheibenwischer glitten hin und her. Die Sirene heulte. Im Inneren des Wagens klang sie seltsam gedämpft, so dass sich Dr. Vivien Kramer dabei ertappte, wie sie sich nach einem Streifenwagen umsah, obwohl das Geräusch seinen Ursprung direkt über ihr hatte, auf dem Dach des Streifenwagens, in dem sie saß. Seufzend fasste sie ihre langen, rotblonden Locken im Nacken zusammen und fixierte sie mit einer Klammer. Vor ihr im Dunkeln tauchte die Silhouette der großen Brücke auf. Der Verkehr staute sich vor der Auffahrt zur Brücke, obwohl einige Beamte bemüht waren ihn umzuleiten. Der uniformierte Polizist neben ihr fuhr dennoch unbeeindruckt weiter und überholte die stehenden Fahrzeuge auf dem Randstreifen, bis sie die Straßensperre erreichten. Blaulichter blitzten stumm. Die Scheinwerfer der wartenden Autos tauchten alles in ein unwirkliches Licht. Der Regen prasselte nur so auf den asphaltierten Boden herab. Noch ehe sie aus dem Wagen springen konnte schrie ihr ein weiterer Uniformierter durch den Regen etwas entgegen. „Dr. Kramer? Kommen Sie bitte schnell“, wiederholte er, während er die Tür des Streifenwagens aufriss. Eine Böe wehte ihr sofort den Regen seitlich ins Gesicht. Was für ein entsetzliches Wetter um sich das Leben zu nehmen. Die Tür des Wagens knallte hinter ihr zu, und die Absätze ihrer Stiefeletten klackerten dumpf über den nassen Asphalt, während sie eilig in Richtung der Lichter liefen. „Wo ist er?“ rief sie durch den Regen und folgte mit ihrem Blick dem Arm des Polizisten, der voraus deutete. „Gleich da vorne“, rief er ihr zu. Der Regen fiel so dicht, dass sie den Rand der Brücke kaum erkennen konnte. Undeutlich sah sie eine Gestalt dort stehen. „Hat schon jemand mit ihm gesprochen?“ wollte sie wissen. Es war Zufall, dass man sie zu Rate gezogen hatte. Sie war keine Polizeipsychologin, doch seit den Begebenheiten vor ein paar Monaten, seit sich einer ihrer Patienten als Serienkiller, der Blutegel, entpuppt hatte, war sie bei der Polizei als praktizierende Psychologin bekannt. Es war ein Notfall eingetreten, der Polizeipsychologe war nicht erreichbar und jemand war verzweifelt genug, um sich an sie zu erinnern. Vivien war schon dabei die Praxis zu schließen,
als der Anruf kam. Ihre Hilfe wurde gebraucht. Vivien hatte keine Sekunde gezögert. „Nein“, kam die schnelle Antwort des Polizisten. „Wie lange steht er dort schon?“ fragte sie und blickte sorgenvoll in die Richtung des Suizidalen. Vivien wusste, dass es vielfältige Aspekte zu berücksichtigen galt, denn letztlich war jede Suizidtat ein individuelles Phänomen, das sich nicht immer auf ein einheitliches Erklärungsmuster reduzieren ließ. Der Suizid war der stärkste Ausdruck einer Autoaggression und gehörte zu den zehn häufigsten Todesursachen, wobei die Dunkelziffer nicht mit eingerechnet sein konnte. Es wurde geschätzt, dass sich täglich etwa eintausend Menschen selbst töteten und es vermutlich fünftausend täglich versuchten. Unter den suizidgefährdeten Menschen fanden sich etwa die Hälfte depressive, ein Drittel neurotische und der Rest teilte sich in den Gruppen der Schizophrenen, Suchtkranken und sonstige auf. Fast alle Suizidalen standen in zusätzlichen Konflikten, über die Hälfte durch Liebe, Ehe und Sexualität, der Rest durch Autoritäts-, Familien-, Geld-, Rechts-, Berufs- und sonstige Problemen. Natürlich machte auch der Suizid aus religiösen oder mystischen Gründen einen recht großen Anteil aus. Es würde also gar nicht so leicht sein herauszufinden, was diesen Mann dort bewog seinem Leben ein Ende zu setzen. „Wir wurden vor einer halben Stunde alarmiert.“ Schon hetzte ein junger Polizist mit einem Funkgerät und einem Sicherheitsgurt in den Händen auf sie zu. „Darf ich?“ fragte er eilig, ohne ihre Einwilligung abzuwarten. Stattdessen griff er rasch unter ihre Jacke, um das Funkgerät darunter zu schieben. Vivien riss die Arme hoch, damit sie nicht im Weg waren. Jetzt konnte er ihr den reflektierenden Gurt anlegen und ihn unter der Brust fest klicken. „Fertig“, nickte er ihr zu und zog sich wieder zurück. Alles starrte sie erwartungsvoll an. Vivien schluckte und machte sich auf den Weg. Die Brücke war bis auf zwei Krankenwagen und den wartenden Notärzten und Sanitätern vollkommen leer. Die Absperrung der Polizei hielt alle anderen ab. Das war gut. Vivien hoffte sehr, dass es ihr gelang das Vertrauen dieses Mannes zu gewinnen, um ihn innerhalb kürzester Zeit dazu zu bringen ihr zuzuhören. Zuerst musste sie dessen Aufmerksamkeit erlangen. In den Schlaglöchern hatte sich das Wasser gesammelt. In eines davon trat sie und fluchte innerlich. Ihre Schuhe waren schon ganz durchnässt. Dessen ungeachtet duckte sie sich unter den Straßensperren hindurch und ging langsam auf das Brückengeländer zu. Direkt am Geländer, nein dahinter, stand ein Mann. Er war hoch gewachsen und ihrer ersten Schätzung nach Ende Zwanzig. Sie sah ihn im Profil. Er war attraktiv, hatte eine große Nase, etwas zu schmale Lippen, doch das konnte davon rühren, dass er sie so zusammenpresste. Seine Kiefer mahlten. Seine Psyche kaute an etwas Schwerem. Sein Oberkörper war nackt. Wie es schien hatte er viel Zeit im Fitnesscenter verbracht. Er war extrem durchtrainiert. Seine Jeans war eng, und es schwappte kein Gramm Bauchfett über den Bund. Was für einen Kummer sollte diesen Schönling nur dazu bringen von dieser Brücke springen zu wollen? Dieser junge Mann wirkte nicht vereinsamt oder ausgeschlossen, so dass er sich vom Grab angezogen fühlen und glauben könnte, dies sei der einzige Platz, den es für ihn noch gab. Die Psychologin sah hier keinen Ansatzpunkt. „Hi, Sie haben nicht zufällig eine Zigarette?“ sprach Vivien ihn also ganz beiläufig an und kam etwas näher. Er reagierte nicht, starrte nur weiterhin hinunter auf den Fluss, der unter der Brücke flutete. „Ich bin Vivien. Und sie?“ versuchte sie es weiterhin im Plauderton. Nichts. Keine Reaktion. Er stand einfach nur da, umklammerte mit der rechten das Geländer hinter ihm und starrte weiter in den Abgrund. Eine heftige Windböe ließ ihn schwanken und beinahe das
Gleichgewicht verlieren. Viviens Herz stockte. Für einen Augenblick hatte sie befürchtet ihren Patienten verloren zu haben, noch ehe sie ein einziges Wort miteinander gewechselt hatten. Außerdem hatte sie etwas in seiner linken Hand aufblitzen sehen. Es war ein Messer. Auch das passte nicht ins Bild. Sie dachte kurz über den Zusammenhang von Sexueller Orientierung und Selbstmord nach. Ihrem Wissen nach waren homosexuelle und bisexuelle Männer über 13-mal gefährdeter als heterosexuelle. Doch irgendwie wirkte dieser Mann nicht homo- oder bisexuell. Blieben noch die sozialen Faktoren. Suizide Ebenen waren am höchsten unter Rentnern, Arbeitslosen, verarmte, geschiedene, kinderlose, Städter, und Alleinlebende. Suizidraten stiegen auch bei sozi-ökonomischer Benachteiligung, wie schulischen Leistungen, Obdachlosigkeit, Arbeitslosigkeit, wirtschaftliche Abhängigkeit und den Kontakt mit der Polizei oder Justiz. Und natürlich die häufigste Ursache für Suizid: die Depression. Vivien tappte vollkommen im Dunkeln. Sie musste unbedingt Zugang zu ihm erhalten. „Sagen Sie mir doch bitte ihren Namen. Das ist nicht so schwer. Sie können mich Vivien nennen. Und ich nenne Sie…“, versuchte sie erneut. Der Mann schien sie überhaupt nicht wahrzunehmen. Er starrte weiter nach unten, als ob er sich auf seinen letzten Sprung einstellte. Es donnerte. Die Luft vibrierte nahezu und die Erde schien zu zittern. Etwas Böses nahte. Vivien ging die Punkte durch, die in direkter Konfrontation mit einem Suizidalen Anwendung fanden: Das war als erstes den Suizidgedanken direkt anzusprechen und als zweites die Hoffnungslosigkeit zu hinterfragen! Damit begab man sich bereits in den Bereich der Therapie. Als nächster Schritt würden die Angehörigen hinzugezogen, damit gesichert war, dass der Betroffene nicht alleine war. Sollten die kurzfristigen Therapiemaßnahmen nicht ausreichend sein, dann wäre als letzter Schritt für eine Klinikeinweisung zu sorgen. „Hören Sie, Sie stehen hier auf der Brücke und wollen ihr Leiden beenden. Aber eigentlich wollen sie nicht springen“, behauptete Vivien also. Sie war verzweifelt und hatte keine Ahnung, wie sie sich diesem Mann annähern konnte, da er sie so vollständig ausblendete. Also hielt sie sich an den ersten Schritt, den Suizidgedanken direkt anzusprechen. Vivien blickte nach unten. Gut fünfzig, sechzig Meter tiefer schob sich der Fluss durch die Stadt. Das Wetter war weiterhin unleidig. Jetzt zuckte ein greller Blitz auf und bot Vivien einen schnellen Blick auf den Oberkörper des Mannes. Er war verletzt. Es schien, als hätte er eine Schnittwunde am Bauch. Blut quoll aus seiner noch vom Sommer leicht gebräunten Haut. Am Oberarm hatte er eine Tätowierung, die aussah, wie eine kleine Eule mit riesigen kreisrunden Augen. Nagende Ungewissheit breitete sich in Viviens Geist aus. Hatte vielleicht die Freundin oder der Freund dieses Mannes mit ihm Schluss gemacht? Nach dem Motto: ‚Wenn du mich verlässt, bringe ich mich um!’ „Ihnen ist sicher kalt. Ich habe eine Decke im Auto“, offerierte sie frustriert in der Hoffnung einen Zugang zu ihm zu finden. Wieder erhielt sie keine Antwort. Sie musste dringend dafür sorgen, dass er sie zur Kenntnis nahm. Irgendwie musste es ihr gelingen seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Sonst hätte sie nie eine Chance ihn zur Vernunft zu bringen. Ein Nicken oder ein einziger Laut wäre vorerst genug. „Ich könnte versuchen sie ihnen über die Schulter zu werfen. Nur um Sie zu wärmen“, schlug sie daher vor. Vivien blickte kurz zurück, um einem der Beamten zu signalisieren, dass er ihr die Decke reichen sollte. Es verlief reibungslos. Einer der jungen Uniformierten reichte ihr eine Wolldecke mit ausgestrecktem Arm, ohne sich ernsthaft zu nähern. Dennoch wurde der Mann aufmerksam. Sein Kopf schnellte zu ihr herum, als sie sich ihm mit der Decke unter dem Arm näherte. Er wirkte noch angespannter
als sie gedacht hatte. Wie angewurzelt blieb Vivien stehen und starrte ihn erschrocken an. Er würde doch nicht ausgerechnet jetzt springen? Das durfte er nicht. Das durfte sie auf keinen Fall zulassen. Der Sprung von einer Brücke war eine der häufigsten Suizidmethoden. Die Öffentlichkeit wurde immer wieder durch vielfach sensationelle, reißerische Berichte in den Medien mit dieser Problematik konfrontiert. Eine Verhinderung von Brückensprüngen rettete also Menschenleben, denn aus der Suizidforschung war Vivien bekannt, dass Suizidberichterstattung in den Medien Nachahmersuizide auslösen konnten, speziell, wenn die Suizidmethode im Bericht möglichst noch mit Bild dargestellt wurde. Ganz zu schweigen von der Traumatisierung Anwesender und vor allem Hinterbliebener. In Fachkreisen sprach man von dem sogenannten "Werther-Effekt", bei dem von Imitations- und Ansteckungs-Hypothesen, von Enthemmungs-Effekten und von Suggestions-Theorien die Rede war. Für Vivien galt es daher nicht nur das Leben dieses Mannes zu retten, sondern auch prophylaktisch das vieler anderer. „Schon gut. Ist schon gut. Ich komme keinen Schritt näher. Ich bleibe, wo ich bin. Sagen Sie mir nur Ihren Namen, okay?“ versuchte es Vivien wieder etwas besonnener. Der Mann starrte in ihre Richtung, schien sie aber noch immer nicht wahrzunehmen. Erst jetzt wurde Vivien bewusst, dass er einen Punkt hinter ihr fixierte. Konzentriert blickte sie sich um, doch sie sah nichts außer Dunkelheit und Schatten. Aber das Gefühl, dass sich dort jemand im Verborgenen hielt, ergriff sofort von ihr Besitz. In Vivien wallte Panik auf. Als das Licht eines der Taschenlampen, die die Uniformierten bei sich trugen, einen Kegel warf, huschten riesige Schatten über die Brücke und lösten sich wieder auf. Es waren beängstigende Schatten! Vivien atmete tief ein. Sie durfte jetzt keine Panikattacke bekommen. Die Geschehnisse rund um den Blutegelfall hatten die Psychologin arg mitgenommen und verfolgten sie immer noch. Vivien schloss für eine Sekunde die Augen und redete sich selbst gut zu. Da war nichts. Sie stand hier auf einer Brücke mit mehreren Polizeibeamten. Hier war nichts, was ihr nach dem Leben trachtete. Sie konzentrierte sich auf ihre Aufgabe, atmete nochmals tief durch und zwang sich wieder zur Ruhe. ‚Verdammt!’ Sie musste irgendwie zu dem jungen Mann durchdringen und seine Aufmerksamkeit erlangen. Vorsichtig trat sie näher, doch nicht einmal das schien er wahrzunehmen. In einer Woge aus Frustration und Verzweiflung änderte erneut ihre Gesprächsstrategie. „Ich habe schon erlebt, wie jemand gesprungen ist“, behauptete sie jetzt. Das Tosen des Windes war laut. Von weiter hinten drangen einige Gesprächsfetzen vom Wind getragen zu ihr. Die meisten der Beamten und Sanitäter hielten jedoch gebannt den Atem an und warteten schweigend. „Glauben Sie nicht, dass es ein schmerzfreier Tod ist“, warnte sie eindringlich und schüttelte glaubhaft den Kopf, um ihre Worte zu unterstreichen. Der Mann blickte noch immer durch sie hindurch, als wäre sie Luft. „Beim Aufschlag wird ihr Brustkorb zertrümmert. Es ist kein schöner Anblick und garantiert nicht schmerzfr…“ „Spring!“ erklang hinter ihr ein einziges Wort und im selben Augenblick tat er es. Er sprang. Der junge Mann ließ sich einfach vornüber kippen und fiel ins Nichts. Binnen eines einzigen Augenblicks verschwand er stillschweigend aus Viviens Blickfeld. Einen Moment war es, als würde die Zeit stillstehen. Dann folgte Viviens Blick dem verzweifelten Mann. Er wehrte sich nicht gegen die Schwerkraft, ruderte weder mit den Armen noch strampelte er mit den Beinen. Er fiel einfach wie eine Marionette, deren Fäden gekappt wurden. Alles schien stehen zu bleiben, als ob die Welt den Atem anhielt. Von einer Sekunde zur nächsten geriet plötzlich wieder alles in Bewegung. Vivien hörte sich selbst keuchen. Auch sie hatte den Atem angehalten und stieß ihn jetzt rau und scharf aus. Die Notärzte und
Polizisten stürzten herbei. Alle rannten an ihr vorbei und warfen ihre Oberkörper halb über die Brüstung, um nach unten zu blicken, als würden sie dort etwas erkennen können. Vivien brach kalter Schweiß aus. Ihr Herz trommelte heftig gegen den Brustkasten und sie glaubte keine Luft mehr zu bekommen. Entsetzt legte sie ihre Hand auf ihr Dekollete und sog die Luft entschlossen in ihre Lungen. Sie keuchte. Voller Unglauben sah sie sich um und dann zurück zu der leeren Stelle am Geländer. Ihr war so übel, dass sie fürchtete sich gleich übergeben zu müssen. Er war tatsächlich gesprungen. Einfach so. Vivien wandte sich ab und machte ein paar Schritte von dem Geländer fort. Sie taumelte ein wenig. Sie konnte noch gar nicht glauben, was da eben geschehen war. Wie im Schlaf duckte sie sich unter der Straßensperre hindurch und drängte sich durch die dort wartenden Menschen. Heiße Tränen rannen ihr über die Wangen, und sie wischte sie gedankenverloren mit dem Ärmel fort. Sie konzentrierte sich auf ihre Atmung und auf den nächsten Schritt, der sie von dort fortbringen sollte. Sie ging weiter und weiter. Zunächst achtete niemand auf sie. Dann prasselten allerlei Fragen auf sie ein, die schlimmer waren, wie die Regentropfen, die auf ihr Cape niederschlugen. „Ist er gesprungen?“ „Was ist passiert?“ „Wann wird die Brücke wieder freigegeben?“ Wortlos starrte Vivien die Menschen an. Sie konnte es noch immer nicht fassen. Er war gesprungen. Einfach so. Ohne ein Wort, ohne ein Kommentar. Ohne ein: ‚Sagen Sie bitte meiner Frau, ich habe sie geliebt.’ Oder ein: ‚Ich habe ihr gesagt, ich bringe mich um, wenn sie mich verlässt.’ Vivien hatte keine Ahnung, warum er gesprungen und somit sein Leben beendet hatte. Sie hatte versagt, auf der ganzen Linie, und sie fühlte sich erbärmlich deswegen. Wie eine Schlafwandlerin taumelte sie weiter mit leerem Blick. Dann hielt sie sich links und machte am Geländer halt. Sie musste verschnaufen. Ihr Magen rebellierte. Keuchend rang sie nach Atem. Ihr war speiübel. Besonnen atmete sie tief und ruhig, um gegen die Übelkeit anzukämpfen. Nach einer Weile hatte sie sich wieder im Griff. Ein kurzer Gedanke kam in ihr auf. Trieb er auf der Wasseroberfläche oder war er direkt bis auf den Grund gesunken? Wie viele Knochen waren wohl zertrümmert? Keuchend schüttelte sie den Kopf über sich selbst. Sie hatte versucht ihn zur Umkehr zu bewegen. Sie hatte es versucht. Doch er hatte nicht auf sie hören wollen. Mehr noch. Es schien, als hätte er nicht ein einziges Wort gehört, was sie zu ihm gesagt hatte. Sie fühlte sich entsetzlich. * Heute vermag ich unbesorgt zu ruhen. Auf der Brücke waren viele Menschen. Viele Zuschauer. Viele Zeugen. Doch war ihm das keine Hilfe. Ich war stärker, denn ich vermag eine Seele zu brechen. Sie sahen ihn fallen und starrten dann voller Entsetzen über den Rand. Als würden sie ihn in der Dunkelheit des Flusses sehen können. Das vermag nur ich. Sie sahen, wie mein Feind fiel. Sie sahen, was ich zu vollbringen vermag. Mit schlaffen Gliedern stürzte er zu Tode. Ganz ohne Gegenwehr. Heute brachte ich einen Feind zum Schweigen und sandte eine Botschaft an die anderen. * Das Telefon klingelte, als Mark Peters gerade nach einer heißen Dusche mit einem Handtuch um die Hüften vor dem Spiegel stand. Der Ermittler war mittelgroß, schlank, fand sich sogar recht sportlich.
Er konnte zufrieden mit sich sein. Sein glattes, nasses Haar hatte er zurückgekämmt. Jetzt nahm er den Hörer und meldete sich. „Hier Berger“, kam es vom anderen Ende der Leitung. Das war Vincent Berger, Marks Vorgesetzter. Seine Konzentration war sofort voll da, und unwillkürlich richtete er sich ein wenig auf. „Ja?“ „Es hat wieder einen Mord gegeben, einen wie die Blutegelmorde. Ich möchte, dass Sie so schnell wie möglich mit Kollege Brander hinfahren.“ Mark keuchte innerlich auf. Einen Mord, der wie die Blutegelmorde war? Das durfte doch nicht wahr sein. Sie hatten den Täter nie richtig festgenommen, sondern nur einen Klumpen verbrannter, zerschmolzener Knochen geborgen. Das war nun fast drei Monate her. Seitdem herrschte Ruhe in der Stadt, zumindest was derartige Morde anbelangte. „Wer ist das Opfer?“ fragte Mark erste Informationen ab. „Die einzige Abweichung. Es ist ein junger Mann“, antwortete Berger. „Auf die gleiche Weise?“ „Auf die gleiche Weise“, bestätigte der Dezernatsleiter. Marks Gedanken beschleunigten sich. „Ein Trittbrettfahrer?“ dachte er laut. Berger entgegnete nichts, also ließ sich Mark die Adresse geben und beendete das Gespräch mit der Zusage, dass er sich sofort auf den Weg machen würde. Mit einem Ruck zupfte er sich das Handtuch von der Hüfte und ließ es achtlos inmitten seines Wohnzimmers liegen. Schon wieder ein Mord. Nach drei Monaten. Er hatte wirklich geglaubt, dass der Täter, so wie Vivien es ihm versichert hatte, ums Leben gekommen war. Seufzend schnappte er sich das Hemd, das über der Stuhllehne lag und knöpfte es sich halb zu. Schnell schlüpfte er in die Hose, die er schon den ganzen Tag getragen hatte und steckte sein Hemd in den Hosenbund. Er schüttelte den Kopf, weil er es noch immer nicht fassen konnte. „So ein verdammter Mist!“ fluchte er und setzte sich auf das Sofa, zog Socken und Schuhe an. „Verdammter Mist!“ wiederholte er, nahm seinen Wohnungsschlüssel, zog sein schwarzes Jackett an und verließ seine Wohnung, nur drei Minuten nach dem Anruf. Er war jetzt seit vier Jahren bei dem ersten Team des Morddezernats, mit der Zuständigkeit ‚Serienkiller sowie besonders schwere Morde und Gewaltverbrechen’. Der Blutegel war der spektakulärste Fall, mit dem sie es je zutun gehabt hatten. Die Straßen waren verlassen, und Mark brauchte nur ein paar Minuten von seiner Wohnung zu dem Stadtteil, in dem Karl wohnte. Sein Partner wartete bereits am Straßenrand auf ihn. Er war ein Schwergewicht von knapp ein Meter achtzig Körpergröße bei 129 Kilo Fett und Muskelmasse. „Na? Wartest du auf den Bus?“ empfing Mark ihn mit einem satten Grinsen. „Scheiße Mann. Mir ist gar nicht zum Scherzen zumute. Schon wieder so ein Blutmord!“ knurrte Karl missmutig. „Ja, ich hatte wirklich gedacht, das läge hinter uns“, stimmte Mark ihm betrübt zu und lenkte den Wagen Richtung Tatort. *
Nachdem der Beamte Vivien bei ihrer Praxis abgesetzt hatte, damit sie mit ihrem Wagen weiterfahren konnte, blieb sie einen Moment starr hinter dem Lenkrad sitzen. Sie haderte mit sich. Ein Mensch war gestorben. Sie hätte sich auf ihn stürzen und ihn zurückhalten können. Irgendetwas hätte sie tun müssen. Irgendetwas. Sie hatte nichts getan. Sie hatte dagestanden und zwei oder drei Sätze zu ihm gesagt. Und er war gesprungen. Er war einfach so aus ihrem Blickfeld und damit aus dem Leben gesprungen. Vivien fühlte sich hundeelend. Die Schuld lastete schwer auf ihr. Wofür hatte sie all die Jahre studiert? Wofür hatte sie all die Jahre praktiziert? Damit dieser Mann starb? Keuchend strich sie sich das Haar aus der Stirn und schloss einen Moment die Augen. Dann atmete sie tief durch und versuchte ihre Schuld abzuschütteln. Sie kannte diesen Mann nicht. Sie war hinzugezogen worden und hatte ganze fünf Minuten Zeit gehabt, vermutlich eher weniger. Was hätte sie schon tun können? Auch wenn sie entsetzt, traurig und frustriert war, sie musste nach vorne schauen. Also musste sie als erstes nach Hause fahren. Es war schon spät. Du liebe Güte, erst jetzt wurde ihr bewusst, wie spät es schon war. Nervös suchte sie in ihrer Tasche nach ihrem Handy, um es wieder einzuschalten. Das Display teilte ihr mit, dass sie drei neue Nachrichten hätte. Alle waren von Erik. „Mist!“ fluchte sie laut und lehnte für einen Moment den Kopf in den Nacken. Er war vor etwa einer Stunde gelandet. Fast eine Woche hatten sie sich nicht gesehen. Erik und sie waren seit dem Sommer ein Paar. Er war der ungewöhnlichste Mann, den sie je kennen gelernt hatte. Er hatte dichtes, schwarzes Haar, das in leichten Wellen bis auf seine Schulter fiel. Seine Augen strahlten in einem hellen Blau. Er war muskulös, braungebrannt und ungeheuer attraktiv. Eine Aura des Erfolgs umgab ihn und dabei war er so überaus verschmust und liebenswert. Vivien war noch immer heiß verliebt in ihn. „Hey, ich bin’s. Ich bin bereits gelandet, habe mein Gepäck und dachte, du wolltest mich abholen!? Wo bleibst du?“ war seine erste Nachricht. Seine Stimme wirkte verwundert und ein wenig verstimmt. Kein Wunder. Er war enttäuscht und leicht verärgert, dass sie ihn nicht sehnsuchtsvoll empfangen hatte. Das wäre ihr genauso gegangen. Schon wurde die zweite Nachricht abgespielt. „Ich noch mal. Du weißt schon, Erik von Thun. Du erinnerst dich vielleicht? Der Typ den du heute vom Flughafen abholen wolltest.“ Er unterbrach sich mit einem verlegenen Auflachen. „Hey, wo steckst du? In der Praxis erreiche ich auch niemanden.“ Er räusperte sich, ehe er fortfuhr. „Ich schätze, du kommst nicht mehr. Ich setze mich jetzt also in ein Taxi und fahre zu dir in die Wohnung. Ich hoffe, du bist da. Bis gleich!“ Vivien schloss für eine Sekunde die Augen und atmete lächelnd durch. Dann hörte sie die dritte Nachricht ab. „Kleines, was ist los? Dir ist doch wohl nichts zugestoßen? Ich bin gerade eingetroffen und deine Nachbarin war so freundlich mich reinzulassen. Also, melde dich, sobald du das abhörst, okay!?“ Eriks Stimme hatte sich von Nachricht zu Nachricht verändert. Sie wechselte von verärgert über besorgt bis hektisch. Vivien löschte auch die letzte Nachricht und wählte dann die Option Rückruf. Es klingelte nur einmal. „Hey, was ist los?“ meldete sich seine Stimme. Er klang ein wenig hektisch, aber keineswegs vorwurfsvoll. Er klang ehrlich besorgt. „Erik, tut mir so leid…“ „Das ist auch angemessen“, scherzte er sofort erleichtert. „Ich bin aufgehalten worden. Ein Notfall“, erklärte Vivien. „Kommst du jetzt her?“ wollte er nur wissen. „Ja, ich sitze schon im Auto. Bin gleich da.“
Eine viertel Stunde später öffnete Erik Viviens Wohnungstür. Er hatte geduscht und trug nur ein Handtuch um die Hüften. Sein muskulöser Oberkörper war noch von Wassertropfen übersät. Sein Haar hatte er trocken gerubbelt und sorgsam nach hinten gekämmt. Er sah zum Anbeißen aus und packte sie sofort, zog sie fest an seine Brust, so dass sie nicht ganz sicher war, ob er sie erwürgen oder liebkosen wollte. „Hi“, begrüßte er sie dann mit einem langen Kuss. Es folgte noch eine Umarmung, dieses Mal von ihr ausgehend. Vivien genoss seine Stärke und zuverlässige Gegenwart und verspürte den atemlosen Drang sofort mit ihm zu schlafen, was sie für diese Sekunde unendlich glücklich machte und all das Schreckliche in den Hintergrund drängte. Doch das war ihr nicht einmal eine Minute lang vergönnt. „Also, was war los? Du sagtest: ein Notfall?“ verlangte er nach einer Erklärung, während er sie auf Armeslänge von sich schob und den Blick abschätzend an ihr herab gleiten ließ. „Tut mir ehrlich leid“, wehrte sie kopfschüttelnd ab. Erik holte Atem, nahm so ihre Witterung auf und kräuselte dabei die Stirn. Sie hatte einen seltsamen Geruch an sich. Sie roch nach Regen, nach Zigaretten, nach Schmieröl und noch etwas. Irgendetwas, was mit Furcht und Leid zu tun hatte. „Tut mir leid. Natürlich wollte ich dich abholen. Ich habe dich vermisst“, begann sie sanft. „Du warst nicht in der Praxis“, witterte er sofort. In jeder seiner Bewegungen lag eine geballte, konzentrierte Körperkraft, doch das Fesselndste an ihm waren seine durchdringenden Augen. Aus ihnen sprachen Intelligenz und Überlegenheit. „Doch, war ich. Aber dann hat mich ein Streifenwagen abgeholt.“ „Ein Streifenwagen? Du bist völlig durchnässt“, fiel ihm als nächstes auf, obwohl ihre Kleidung schon wieder ein gutes Stück getrocknet war. „Ich wurde zu einem Selbstmörder gerufen“, begann sie mit bangem Blick. Erik rührte sich nicht. Er ließ ihr die Zeit ihm zu erklären was vorgefallen war. „Ein junger Mann. Ich konnte nicht zu ihm durchdringen. Er ist gesprungen“, erklärte sie kurz, während sie tapfer ihre Tränen unterdrückte. Erik nahm sie sofort in die Arme, strich ihr sanft über den Rücken und küsste sie auf die Wange. „Tut mir leid, Kleines. Das muss schrecklich sein. Ein Patient von dir?“ erkundigte er sich leise, während er sie sanft in seinem Arm wog. Sie schüttelte nur den Kopf. Die Bilder von dem Mann und der Brücke stiegen wieder in ihr auf, und sie schluckte schwer. Der fallende Körper war in ihrem inneren Auge wie eingebrannt. „Nein, ich weiß nicht, wer der Mann war. Ich weiß gar nichts über ihn, außer das er gesprungen ist. Ich wünschte, ich hätte ihn retten können.“ Langsam spürte sie, wie sich die Tränen in ihren Augen sammelten. Es tat so gut, dass Erik wieder da war. Bei ihm konnte sie sich vollkommen fallen lassen. „Hey, du darfst dir nicht die Schuld geben. Ist ja gut. Alles ist wieder gut“, versuchte er sie zu beruhigen. Dann ging er ein wenig in die Knie, griff zu ihren Kniekehlen und nahm sie mit einem Schwung auf seine Arme. Lässig kickte er die Haustür zu und trug Vivien hinüber zum Sofa. Langsam fasste sie sich wieder, und die Sturzflut an Tränen, versiegte allmählich. „Erik, ich bin so froh, dass du wieder da bist“, sagte sie, wobei sie die Nase ein wenig hochzog und schniefte. „Ich auch, Kleines. Ich auch“, versicherte er ihr, während er sie wie ein Kind in seinen Armen wog und ihr in einer tröstlichen Geste übers Haar strich. „Wie war dein Vortrag und alles Geschäftliche?“ wollte sie dann wissen, um sich auf andere Gedanken zu bringen. „Das ist unwichtig“, meinte er und strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht, um sie zu betrachten.
„Sag schon“, lächelte sie schwach. Er zog sich etwas zurück und schmunzelte. „Einige fanden mich inspirierend. Andere hassen mich, weil ich ihnen die Suppe versalzen habe“, zuckte er leichthin mit den Schultern. „Ich bin eben ein echtes Monster“, scherzte er und küsste sie auf die Nasenspitze. „Sprich nicht so“, sagte sie ärgerlich. „Du bist der ehrenwerteste Mann, der mir je begegnet ist!“ „Hey, das war ein Witz!“ „Dann war er nicht komisch“, murrte sie und schmiegte sich wieder an ihn. „Wie war die Reise sonst so?“ sprach sie mit geschlossenen Augen in seine Armbeuge hinein. Endlich begann sie sich zu entspannen. „Anstrengend und freudlos“, war seine liebenswerte Antwort. Und schließlich feierten sie seine Rückkehr gebührend, indem sie auf dem Sofa miteinander schliefen und für einen Moment allen Kummer dieser Welt vergaßen. „Weißt du, warum er gesprungen ist?“ fragte Erik nachdem sie eine Weile still nebeneinander lagen und einander noch sanft zum Ausklang streichelten. „Nein. Er wollte nicht mit mir reden. Ich glaube, er hat kein einziges Wort von dem gehört, was ich zu ihm gesagt habe“, antwortete Vivien traurig. „Er muss sehr verzweifelt gewesen sein“, mutmaßte Erik. „Ja, das war er wohl.“ „Mach dich nicht verrückt, Kleines. Alles ist wieder gut. Du bist hier bei mir“, flüsterte er sanft. * Mark und Karl schoben sich an einer Kamera und drei rufenden Reportern vorbei. „Wie stehen die Dinge?“ „Wie viele Leichen wurden gefunden?“ „Ist der Blutegel zurück?“ „Stimmt es, dass das Opfer dieses Mal ein Mann ist?“ „Stimmt es, dass der Blutegel wieder zugeschlagen hat?“ „Wir hörten von einem veränderten Opfermuster?“ Die Beamten reagierten nicht auf die Fragen. Vorerst. Ohne die Reporter überhaupt zu beachten gingen sie trotz auf sie einstürzender Fragen, trotz klickender Fotoapparate und summender Kamera unbeirrt weiter. Wie ein Pflug stoben sie an den Reportern mit zusammengepressten Lippen vorbei und gaben erst wieder einen Ton von sich, als sie sicher sein konnten, dass niemand sie belauschen konnte. „Dieses Pack!“ knurrte Karl. „Wie die Hyänen“, stimmte Mark zu und schnaubte verächtlich. Mehrere Streifenwagen standen vor dem Eingang zur U-Bahn-Station. An einem der Wagen saßen drei junge Frauen, die Decken um die Schulter trugen und mit wunden Augen vor sich hin starrten. Uniformierte hatten alles abgeriegelt. Mark und Karl zeigten einem Beamten ihre Ausweise und durften passieren. Im halbdunklen Eingang zur U-Bahn roch es nach Dreck und Urin. Stellenweise war es kaum auszuhalten. Überall lag Müll herum, die Abfalleimer waren überfüllt, doch es war nicht eine einzige Pfandflasche zu sehen. Die Obdachlosen sammelten sie alle ein, um an etwas Pfandgeld zu kommen. Die Ermittler folgten den Stimmen ihrer Kollegen, bis sie zu dem Schacht kamen, der zu Gleis 3 führte. Mark überkam ein Frösteln. Das Frösteln, das jeder Tatort auslöste. Das Frösteln des Todes. Vier Beamte hielten sich hier auf. Mark nickte ihnen kurz zu und wandte dann seinen Blick nach rechts, wo der Tote halbnackt auf dem Boden lag. Bei dem Anblick verkrampfte sich Marks Magen. Er hatte wirklich geglaubt, dass er so etwas nie wieder sehen musste. Der Oberkörper des Opfers war mit einem Sweatshirt und einer Lederjacke bekleidet, während seine Hosen bis zu seinen Füßen heruntergelassen waren. Penis und Hoden fielen seitlich an ihm herab, während sein nacktes Hinterteil nur halb zu sehen war, da er auf der Seite lag. Die leeren Augen hatte er weit aufgerissen, als starrte er an die Decke. Mark schluckte schwer, während sein Gehirn zu verarbeiten versuchte, was er dort sah
„Verdammt“, flüsterte er mehr zu sich selbst. Die Beine, Bauch und Arme des Mannes waren gut ausgeformt. Es war deutlich, dass er sich fit gehalten hatte und vermutlich stolz auf seinen Körper gewesen war. Es war eine verdammte Sauerei dass jemand das Leben dieses vor Gesundheit strotzenden jungen Mannes so früh beendet hatte! Da noch kein Arzt anwesend war, nahm Mark die Plastikhandschuhe aus seiner Hosentasche und zog sie über. „Hat ihn irgendjemand angefasst?“ wollte Karl unterdessen wissen. „Wie es scheint wohl zumindest der Mörder“, scherzte einer der Uniformierten und handelte sich einen bitterbösen Blick ein, so dass ihm das Grinsen sofort wieder verging. Zwar hatte Karl Verständnis für etwas Galgenhumor, da nur der half, das Entsetzen, dem die Beamten so oft ausgesetzt waren, zurück zu drängen. Diese Art von Humor entsprang dem Wunsch nach Distanz und Ablenkung. Dennoch konnte er es nicht tolerieren, wenn sich jemand in der Öffentlichkeit über einen Mord lustig machte. Schon gar nicht in Anbetracht des Ernstes dieser Mordserie, von der er wirklich geglaubt hatte, dass sie vorüber war. „Wer hat ihn gefunden?“ fragte Mark, während er in die Hocke ging, um den Toten eingehend zu betrachten. „Eine Gruppe junger Frauen. Sie sind oben bei den Streifenwagen“, erklärte einer der Beamten. Mark beugte sich näher über das Opfer und betrachtete ihn für einen Moment. Ein beißender Geruch ging von ihm aus. Mark legte sich instinktiv die Hand über die Nase. Es war ein junger Mann mit dunklem Haar, ein südländischer Typ, höchstens fünfundzwanzig. Er schien keine Verletzungen zu haben, keine grausig blutigen Wunden. „Er ist in guter Verfassung“, merkte Karl von weiter hinten an. „In zu guter. Ich sehe nirgends Blut“, betonte Mark. Vorsichtig befühlte er die Finger des Toten. Sie waren noch nicht steif. Er befühlte seinen Kopf, vor allem das Kiefergelenk. Als er den Kopf anhob klafften die Wundmale am Hals etwas auf, doch es sickerte kein Blut heraus. Mark zwang sich dazu, nicht erschrocken zurückzuzucken. Die Kehle war nicht aufgerissen, wie bei den Blutegelmorden, bei dem die eigentlichen Wundmale wie es schien nur dadurch vertuscht worden waren. Der Hals des Jungen war lediglich mit einer seltsamen Bisswunde versehen. Ein menschlicher Zahnabdruck war deutlich dunkelviolett in der leicht bläulich gefärbten Haut zu erkennen. An zwei Stellen war die Wunde tiefer. Die Vertiefungen sahen aus wie zwei kleine Löcher, die in ihn hineingestochen wurden. Kein Blut war zu sehen, weder außerhalb noch innerhalb der Wunde. Mark keuchte auf. „Was für eine verdammte Scheiße“, flüsterte Karl hinter ihm. Mark nickte. „Wer macht so was?“ konnte auch er nicht fassen. „Wir müssen sofort die Fahndung nach diesem Patienten von der Kramer wieder verstärken!“ verlangte Karl zitternd. Er hatte seinerzeit nach eigener Aussage gesehen, wie der Kerl einen Mann in den Hals gebissen und dessen Blut getrunken hatte. Es war während einer verheerenden Kampfsituation in einem Supermarkt, die er bislang erfolgreich verdrängt hatte. Mark nickte. Auch er war dabei gewesen, hatte den Biss in den Hals aber nicht beobachtet. „Vielleicht sollte ich mich mit Dr. Kramer in Verbindung setzen“, murmelte Mark vor sich hin. Immerhin war sie die behandelnde Ärztin des mutmaßlichen Blutegels und hatte ausgesagt, er sei getötet worden. Die Leiche hatten sie zwar geborgen, doch kurz darauf war sie aus der Pathologie verschwunden. „Vielleicht solltest du“, knurrte Karl missmutig.
Mark warf seinem Partner einen vielsagenden Blick zu. Karl war schon immer gegen die Freundschaft gewesen, die Mark mit Vivien Kramer verband. Vermutlich weil Mark sich mehr als nur Freundschaft erhofft aber nicht bekommen hatte. „Weshalb hatte der Typ sie noch konsultiert?“ wollte Karl eher beiläufig wissen. Mark sah ihn Stirnrunzelnd an. „Es könnte uns helfen, wenn wir wüssten, wie abgedreht der Typ ist“, legte Karl nach. „Laut Vivien ist er tot. Und er war in Behandlung, weil er eine Persönlichkeits-Dingsda hatte. Er hielt sich für einen verdammten Blutsauger und für einen römischen Kaiser“, brachte Mark in Erinnerung. Als wenn Karl das nicht gewusst hatte. An die tausend Mal hatten sie seine Akte studiert. Sie hatten nur seine Leiche geborgen, die durch nicht erklärbare Verbrennungen unkenntlich war. Aber seither war in der Stadt Ruhe eingekehrt. Dies hier schien ein Nachahmungstäter gewesen zu sein, oder Adrian Kaiser war wieder aus der Versenkung aufgetaucht. „Warten wir auf die Spurensicherung und die Fotografen“, schlug Mark vor, um vom Thema ein wenig fortzukommen und einen Hauch von Professionalität an den Tag zu legen. „Was für ein Anblick, und was für ein furchtbarer Gestank“, murmelte Karl, der sich gar nicht von dem grauenvollen Bild losreißen konnte. Der Leichengeruch setzte auch ihm allmählich zu. „Wir sollten uns jetzt mal mit den Frauen unterhalten, die ihn gefunden haben“, fand Mark und legte freundschaftlich seine Hand auf Karls Schulter. Karl nickte nur stumm und machte sich daran seinem Kollegen wieder aus dem U-Bahn-Schacht hinaus zu folgen. Was für ein trübsinniger Ort, um sein Leben auszuhauchen. Plötzlich erstarrte er. Warum war ihnen das nicht schon eher eingefallen? Stumm berührte Karl seinen Partner am Arm und deutete hinauf zu der dunklen Decke. „Siehst du, was ich sehe?“ Marks Blick folgte Karls ausgestrecktem Zeigefinger. „Eine Überwachungskamera. Eine verdammte Überwachungskamera“, konnte Mark kaum glauben. Ein hoffnungsvolles Grinsen breitete sich auf den Gesichtern der Ermittler aus. Sofort erkundigten sie sich, wo der Kontrollraum für die Kameras lag. Fünf Minuten später gingen sie einen schmalen Flur entlang, der im oberen Geschoss lag. Auf der dritten Tür zu ihrer Rechten stand das Wort Kontrollraum. Sie warfen sich einen kurzen Blick zu und gingen hinein. Ein Angestellter saß mit dem Rücken zu ihnen vor einer Reihe kleiner Fernsehmonitore. Er hatte eine Zeitschrift vor sich und betrachtete gerade die vollen Brüste einer Russin. Als er sich umdrehte, schien er gar nicht zu erwarten, jemanden zu sehen. Vermutlich hatte er nur den Luftzug gespürt, denn er hatte Ohrstöpsel in den Ohren. Als er die beiden Beamten sah, legte er die Zeitung jedoch schnell zur Seite und starrte die Eindringlinge erschrocken an. „He, hier ist Eintritt verboten!“ rief er ihnen etwas unsicher zu. Sofort zeigten die beiden ihre Dienstmarken und stellten sich dem Angestellten vor.
„Hier ist ein Mord verübt worden und wir benötigen die Aufzeichnungen ihrer Überwachungskamera. Gleis 3?“ war Karl unsicher. Mark nickte. „Gleis 3“, wiederholte er zur Bestätigung. „Was? Ja, ähm. Da muss ich erst meinen Vorgesetzten fragen“, war der Bahnbeamte mit dieser Situation überfordert. Seit Jahren hockte er Abend für Abend hier in seinem Kontrollraum und nie war etwas Derartiges geschehen. „Kein Problem. Der ist schon benachrichtigt und auf dem Weg. Bereiten Sie doch schon mal alles vor“, schlug Karl ihm vor. Mark betrachtete die Monitore vor ihnen. Einige waren schwarz, als hätte jemand das Licht ausgeschaltet. „Wie viele Kameras sind das?“ fragte er interessiert. „Drei auf jedem Bahnsteig, eine über dem Nord- und eine über dem Südeingang, je eine vor den Toiletten und drei bei den Fahrkartenautomaten. Vorne in der Halle sind vier oder fünf, aber die meisten funktionieren nicht“, gab der Mann sofort Auskunft. „Wie, die funktionieren nicht?“ schwante Mark Böses. Der Mann zuckte die Schultern. „Na, die sind kaputt. Ich hab das schon vier Mal gemeldet. Vorhin waren auch ein paar Techniker da, aber die hatten nicht alle Ersatzteile dabei. Die wollen morgen früh wieder kommen.“ Ehe die Ermittler etwas erwidern konnten, ging die Tür auf und ein kleiner, untersetzter Mann mit Schnurrbart trat ein. Er stellte sich als nächster Vorgesetzter vor und sicherte den Ermittlern die volle Unterstützung zu. „Gut. Wir möchten die Aufzeichnungen der letzten Stunden sehen. Vor allem die, von Gleis 3“, erklärte Karl erneut und nickte dem Angestellten aufmunternd zu. Der Bahnbeamte wechselte einen besorgten Blick mit seinem Vorgesetzten und schluckte. „Ich fürchte, das ist nicht möglich“, sagte er dann. „Was? Warum?“ „Nun, weil die Kameras am Gleis 2 und 3 ausgefallen sind. Ebenso die am Nordeingang“, klärte sie der Mann auf. „Das darf doch nicht wahr sein“, fuhr Karl aus der Haut. Am liebsten hätte er den Mann gewürgt, obwohl der gar nichts dafür konnte. Dennoch verlor er nahezu die Fassung. Er hielt sich den Kopf, drehte sich einmal um die eigene Achse und schnaufte, wie ein wilder Stier. Er versuchte sich zu beruhigen indem er sich mit beiden Händen über sein Gesicht fuhr und sich dann die Augen rieb. Wieder stieß er laut den Atem aus. „Das gibt es doch nicht!“ wütete er weiter vor sich hin. Auch Mark war von dieser Tatsache wie vor den Kopf gestoßen. Frustriert wandte er sich wieder den Monitoren zu. Er ließ seinen Blick über jeden Bildschirm gleiten, der ein Bild übertrug. „Und die zeichnen auch nichts auf?“ wagte er zu hoffen. „Nein. Wenn die kein Signal kriegen, können die auch nichts aufzeichnen“, war das für den Angestellten vollkommen logisch. Er sah die Beamten mit großen Augen an. Mark schloss für einige Sekunden die Augen und schüttelte den Kopf. Auch Karl schüttelte den Kopf. Er konnte es noch immer nicht fassen. „Ich will ja nichts sagen, aber ich habe die ganze Zeit schon darauf hingewiesen…“, begann der Angestellte von Neuem. „Ja, ist schon gut“, knurrte ihn sein Vorgesetzter an. „Okay, was soll’s“, hatte Karl sich langsam wieder unter Kontrolle. „Machen Sie uns Kopien von allem was sie haben. Wir lassen das später abholen und gehen das Material dann morgen durch. Vielleicht entdecken wir den Jungen mit seinem Mörder, wenn er durch
die Eingangshalle geht“, versuchte er sich noch einen Funken Hoffnung zu bewahren. „Und Sie glauben, dass sie darauf den Mörder entdecken?“ hatte der Mann Schwierigkeiten sich das vorzustellen. Er blickte bange auf die Monitore. „Ist Ihnen vielleicht etwas aufgefallen?“ fragte Mark, ohne zu erwarten, dass er etwas Brauchbares antworten konnte. Der Mann schüttelte wie erwartet den Kopf. „Schon gut. Wir versuchen es mit dem Bildmaterial, was sie haben.“ 2. Kapitel Erik erhob sich erst, als Vivien im Bad verschwunden war. Er war erschöpft von der langen Reise und der langen Nacht. Wobei letzteres genau das war, wofür es sich zu leben lohnte. Zufrieden atmete er tief ein, während er zur Küche hinüber schlenderte. Es roch überall nach ihr, nach warmem Schlaf und nach Sex. Vivien hatte die Tür zum Bad offen gelassen, so konnte er das Rauschen der Dusche umso besser hören, obwohl sein Gehör bekanntlich ausgezeichnet war. Mit einem sanften Lächeln begann er die Kaffeemaschine zu speisen. Dann ließ er sich voller Wohlbehagen auf einen der Stühle am Küchentresen nieder, von dem aus er einen hervorragenden Blick ins Innere des Badezimmers hatte. Er konnte sie sehen. Sie war nackt, kam frisch aus der Dusche, das nasse Haar in einen Handtuchturban gewickelt, die Wangen gerötet. Lange Beine, feste Brüste, ein wundervoller Körper, wie geschaffen dafür, um mit einem Mann Spaß zu haben. Sie löste das Handtuch um ihren Kopf, beugte sich vor und ließ mit schwingenden Brüsten ihre nassen Haare kopfüber nach unter fallen und schüttelte sich wie ein nasser Hund. Dann trocknete sie die feuchten, rotblonden Locken mit dem Handtuch und warf sie mit Schwung wieder in den Nacken. Als nächstes hob sie einen Fuß auf den Rand der Badewanne und trocknete die Haut zwischen ihren Zehen. Jetzt kam die Bodylotion, die in die Haut einmassiert wurde, beginnend mit den Knöcheln und dann weiter nach oben. Das war besser als jedes Vorspiel. Erik schluckte benommen. Diese Frau faszinierte ihn wie keine andere. Ihre natürliche Schönheit raubte ihm schier den Atem. Stundenlang könnte er ihr zusehen. Er liebte es, wie sie sich bewegte. Die Kaffeemaschine gluckerte. Die Kanne war beinahe voll. Eigentlich sollte er sich jetzt daran machen, die Eier zu braten, doch er brachte es nicht fertig den Blick von ihr loszureißen. Er war über eine Woche fort gewesen und hatte sie jede Sekunde lang vermisst. Vivien betrachtete unterdessen ihr Spiegelbild, drehte und wendete sich von einer auf die andere Seite und strich mit der Hand über die Blinddarmnarbe. Dann wandte sie sich frontal dem Spiegel zu und trug eine Tagescreme auf. Erik konnte ihr Spiegelbild zwar nur zur Hälfte sehen, aber das genügte. Sie zog Grimassen und betrachtete kritisch ihre kleine Zahnlücke. Jede Falte in ihrem Gesicht schien sie zu studieren. Sie zerrte und zupfte an sich
herum, obwohl sie es seiner Meinung nach gar nicht nötig hatte. Zu beobachten, wie Vivien sich anzog, war beinahe erotischer, als ihr beim Ausziehen zuzusehen. Es kam ihm vor wie ein Tanz ohne Musik, eine Art Badezimmerballett, in dem jede Bewegung so routiniert, leicht und vor allem natürlich und unbeschwert wirkte. Vivien war nicht irgendeine, die er für einen One-Night-Stand hatte, kein unterernährtes Model, das gerade angesagt war. Sie war eine echte Frau mit einer echten Figur. Ihr Slip glitt über ihre Beine und Schenkel, und Erik sog scharf den Atem ein. Dann schob sie die Arme in die Träger eines passenden BHs, hob und teilte ihre Brüste, rückte die Körbchen zurecht, bis er bequem saß. Schließlich zog sie sich ein leichtes T-Shirt über den Kopf, das gerade ihren Po bedeckte. Reizend. Sie sah zum Anbeißen aus. Ein prüfender Blick in den Spiegel, die Hände, die vom Nacken an locker durch ihr Haar fuhren und es etwas aufbauschten. Perfekt. Ja, sie war perfekt. Er liebte sie, wie nichts sonst auf der Welt. Das Klingeln seines Handys riss ihn aus seiner Verzückung. „Von Thun!?“ sagte er mit einer jungenhaften Stimme und lauschte einen Augenblick. Vivien, die jetzt in die Küche kam, strich ihm im Vorbeigehen liebevoll über die Schulter. Dann widmete sie ihre volle Aufmerksamkeit dem Kaffee. Erik betrachtete sie noch immer, während er dem Anrufer zuhörte. Es war kein leerer Blick. Er sah sie wirklich an. „Nein Melanie, verzeihen Sie“, sagte er dann. „Ich hätte das deutlicher machen müssen, so dass es jeder versteht.“ Er sprach sanft und beherrscht. „Sämtliche Medienanfragen hinsichtlich der Firma sind an Fionas Leute zu richten.“ Pause. Erik zwinkerte Vivien vertraut zu, war jedoch voll auf den Anruf konzentriert. „Ja, natürlich. Ich weiß, dass manche mit mir oder anderen leitenden Mitarbeitern sprechen wollen, aber das ist Fionas Angelegenheit.“ Erneute Pause. „Genau. Ich danke Ihnen sehr, Melanie.“ Damit beendete er das Gespräch, lächelte Vivien zu, die ihm eine Tasse Kaffee reichte und ignorierte ihren fragenden Blick. Sie sprachen nie über seine geschäftlichen Transaktionen, doch die Erwähnung des Namens Fiona hatte Viviens Neugier geweckt. „Fiona?“ hakte sie also nach. Erik nickte. „Ja, meine Schwester.“ Vivien entdeckte in seinem Tonfall wenig brüderliche Zuneigung. „Eine deiner Schwestern“, korrigierte Vivien in der Hoffnung mehr von ihm zu erfahren, doch er ging nicht darauf ein. Stattdessen deutete er ein leichtes Kopfnicken in Richtung des Herdes an und fragte, ob er ihr bei den Eiern helfen könne. Vivien schmunzelte in sich hinein. Er lenkte ab, schien nicht über seine Familie sprechen zu wollen. „Diese Melanie, die Anruferin… ist sie auch eine deiner Schwestern?“ wollte Vivien ihn noch nicht entlassen. „Nein, nein. Sie ist nur… Sie ist eine Mitarbeiterin. Sie ist noch unerfahren“, tat er mit einem Achselzucken ab und richtete seine Aufmerksamkeit darauf, wie Vivien die Eier zubereitete. „Unerfahren?“ Erik nickte, sah kurz auf und lächelte dann lausbubenhaft. „Neu. Sie ist neu“, ergänzte er, warf ihr einen Kuss zu und teilte ihr mit, dass er jetzt unter die Dusche ging. *
Es nieselte noch ein wenig. Vivien hielt ihren Schirm über ihr Haupt und versuchte die Stufen vor dem Mietshaus unbemerkt hinunter zu huschen. „Endlich hört der Regen auf. So ein Wetter über einen längeren Zeitraum ist wirklich deprimierend“, rief ihre Nachbarin ihr mehr oder weniger fröhlich hinterher und ließ sie vor Schreck zusammenfahren. „So ein Mist“, fluchte Vivien leise vor sich hin, drehte sich dann aber um und lächelte die Huber, wie sie ihre direkte Nachbarin nannte, an. Sie wollte höflich sein. Ihre Nachbarin war ein guter Mensch. Anstrengend. Aber gutmütig. „Ja, ein Glück, dass es nur noch nieselt“, zeigte Vivien ihr also ihr freundlichstes Lächeln. „Der junge Mann, ihr Freund… es war doch in Ordnung, dass ich ihn gestern in ihre Wohnung gelassen habe? Ich hatte ihren Schlüssel noch von vor zwei Wochen. Sie wissen, doch. Das Wochenende, an dem sie mit ihm aufs Land gefahren sind. Ich habe ihre Blumen gegossen“, ließ die Huber ihre Kronen blitzen. „Ja, natürlich. Haben Sie vielen Dank. Nochmals.“ „Ach, nicht doch. Ist gern geschehen. Ja, vielleicht hört es endlich auf zu regnen.“ „Ja, vielleicht. Sie entschuldigen sicher, ich bin etwas in Eile“, versuchte Vivien ein schnelles Davonkommen. „Ich hab Sie im Fernsehen gesehen“, offenbarte sich die nette Nachbarin da. „So?“ „Ich hätte Ihnen gleich sagen können, dass er springt. Ich hab es kommen sehen“, nickte sie beharrlich. „Tatsächlich? Woran haben Sie das festgestellt?“ „Ach, das war nur so ein Gefühl. Erfahrung, wissen Sie?“ Vivien sah die Nachbarin wortlos an. „Lebenserfahrung, Kindchen. Kommen Sie erst mal in mein Alter…“, plapperte sie unterdessen munter weiter. Vivien antwortete ihr nicht. Es machte keinen Unterschied. Sie würde nicht aufhören, egal was sie einzuwenden hatte. Da war es gescheiter, sie einfach plappern zu lassen. Vermutlich brauchte sie das Gefühl, alles im Voraus zu wissen. „Also ich finde ja, die Leute, die sich umbringen wollen, sollen das doch bitte im privaten Rahmen tun und nicht den ganzen Verkehr lahmlegen und die Gelder der Steuerzahler verschwenden. Das ist doch wohl nicht zu viel verlangt, oder?“ „Er war offensichtlich sehr verstört“, murmelte Vivien wie zu seiner Entschuldigung und hoffte, dass diese Unterhaltung schnell vorüber gehen würde. * Mark und Karl standen abwartend da, die Arme locker herabhängend, die Hände mit Handschuhen geschützt. Die vergangenen Stunden hatten sie damit verbracht Menschen zu beobachten, die auf den Videoaufnahmen in die Bahnhofshalle hinein und wieder hinaus gingen. Ihre Augen brannten vom Flimmern des Monitors. Es war zwecklos. Sie hatten auf dem vorhandenen Videomaterial der Überwachungskameras nichts entdeckt was sie weiterbringen würde. Auch die Vernehmung der jungen Frauen, die den Verstorbenen aufgefunden hatten, hatte nichts gebracht. Nun standen sie in der Gerichtsmedizin und warteten darauf, dass der zuständige Mediziner ihnen einen Hauch einer Spur bescherte. Vor der gegenüberliegenden Wand stand ein einzelner glänzender Edelstahltisch mit Waschbecken, auf dem die Leiche lag. Eine große OP-Lampe direkt über dem Tisch beleuchtete den ganzen Raum. Unweit des Beckens war die obligatorische Ablage für die Organe, die im Laufe der Obduktion entnommen wurden. Daran hing ein bräunlich verfärbter Schlauch, durch den Flüssigkeit abfließen konnte. Auf einem kleinen Tisch lagen zwei große Sägen und mehrere Skalpelle verschiedener Formen und Größen, die der Assistent des Pathologen fein säuberlich aufgereiht hatte. Marks Blick blieb an dem leblosen Körper hängen. Er spürte, wie sich ihm die Nackenhaare aufstellten, während Dr. Hill, der Pathologe, die Einleitung seines
Berichts in das Diktiergerät sprach. Danach begann er sich die Wunde am Hals genauer anzusehen. Sorgfältig begutachtete er die beiden Einstichkanäle sowie Risse und Zerrungen am Wundrand. „Die Wunde ist die Austrittsstelle und somit die Todesursache, soweit ich das nach der vorläufigen Untersuchung feststellen kann“, erklärte der Mediziner, da er wusste wie sehr die Ermittler darauf brannten die Todesursache zu erfahren. Er begann das dunkle, wirre Haar des Opfers zur Seite zu schieben und einen genaueren Blick auf den Hals des Jungen zu werfen. „Keine Druckstellen, keine Hämatome. Nichts dergleichen“, sprach er ins Aufnahmegerät. Dann wandte er sich an die Beamten. Erst jetzt fiel Mark auf, wie müde Dr. Hill aussah. Sein Haar war zerzaust, die Haut fahl, und die Augen wirkten erschöpft, als hätte er seit Tagen durchgearbeitet, was vermutlich der Fall war. „Wenn ich jetzt den Brustkorb öffne wette ich, dass kein Blut austreten wird“, mutmaßte er mit einem wissenden Ausdruck. Die Ermittler nickten. Das erwarteten sie auch nicht, denn dieser Mord ähnelte denen des Blutegels vor drei Monaten schon sehr. Mit äußerster Präzision setzte er den Y-Schnitt an. Mark und Karl schluckten schwer, unterdrückten jedoch den Impuls sich abzuwenden. Schon drückte der Arzt die aufgeschnittene Haut beiseite und warf einen prüfenden Blick hinein. „Wie ich schon vermutete ist der Körper vollkommen blutleer“, bemerkte er für das Aufnahmegerät. „Ich gehe nach der Virchow-Methode vor, nach der alle Organe einzeln entnommen und begutachtet werden“, erklärte Dr. Hill. Schon sahen sie die mit Latex geschützte Hand in der Körperhöhle verschwinden. Kurz darauf hatte er bedächtig die Lunge herausgehoben. Zuerst nur einen Flügel, den rechten. Er gab ihn auf die Waagschale und gab zu Protokoll: „Rechter Lungenflügel, 780 Gramm.“ Er gab ihn in einen Behälter mit Formalin und nahm den linken Flügel ebenso vorsichtig heraus. „Linker Lungenflügel 610 Gramm. Farbe beider Flügel rosa, mit nur geringer Dunkelung des linken Flügels. Keine ausgeprägte Auffälligkeit. Anzeichen äußerer Einwirkung fehlen.“ In der Tat war der linke Lungenflügel nicht ganz so rosa wie der rechte, jedoch nicht stark genug, um von Belang zu sein. „Keine so auffällige Verfärbung wie eine Schwärzung, die auf einen Raucher schließen lassen würde. Vermutlich nur ein Hinweis, dass der Mann in der Stadt lebte“, erklärte ihnen der Pathologe. Nachdem Herz, Leber und Nieren entnommen wurden, wandte er sich dem Magen zu. Es war ein kleiner, sackartiger fahler Beutel, der von dem Mediziner mit äußerster Umsicht aufgenommen wurde. Dann legte er den Magen auf ein eigenes kleines Stahltablett, schnitt ihn sorgfältig auf und klappte die Wände mit den Fingern auseinander. Vorsichtig entleerte er jetzt mit seinem Instrument den Magen. Der Inhalt ergoss sich auf dem Boden des Tabletts. „Es ist noch eine Menge vorhanden“, stellte er fest und schob den Inhalt behutsam auseinander, um die einzelnen Teile besser erkennen zu können. „Ist das grüner Pfeffer?“ war Karl interessiert und handelte sich damit einen erstaunten Blick von seinem Kollegen ein. Mark verzog ein wenig das Gesicht und beugte sich nun auch etwas vor, um den Mageninhalt zu betrachten. Dr. Hill nickte. „Würde ich auch sagen. Grüner Pfeffer, Tomaten, Schinken, vielleicht Peperoni. Sieht aus, als hätte er Pizza gegessen. Da noch so viel vorhanden ist, wurde er vermutlich kurz nach dem Essen umgebracht.“ „Was schätzen Sie? Ein, zwei Stunden nach dem Essen?“ wollte Mark interessiert wissen. Der Pathologe schüttelte vehement den Kopf und setzte zu einer Erklärung an.
„Innerhalb von zwei Stunden sind fast fünfundneunzig Prozent der Nahrung aus dem Magen verschwunden. Natürlich verzögern oder beschleunigen bestimmte Faktoren die Verdauung. Wie zum Beispiel Stress. Dennoch. Es ist noch nicht viel im Dünndarm angelangt.“ Die Finger wieder in der Bauchhöhle vergraben, prüfte er die Darmschlingen. „Ich schätze, es ist nicht mehr als eine halbe bis dreiviertel Stunde zwischen der Nahrungsaufnahme und dem Zeitpunkt des Todes vergangen.“ „Können Sie feststellen, ob es Tiefkühlpizza oder frische war?“ war Karl interessiert und handelte sich erneut einen verwunderten Blick von Mark ein. „Na, wenn es eine frische, eine Restaurantpizza war, dann ist unser Opfer vielleicht mit seinem Mörder zum Essen gegangen“, teilte Karl seine Überlegung mit. Mark wirkte überrascht, nickte jedoch zustimmend. Die Beamten starrten nun erwartungsvoll zu dem Rechtsmediziner hinüber. Er schob das eine oder andere Stückchen hin und her und blickte dann auf. „Die Farbe des Gemüses scheint heller zu sein. Nach meiner Erfahrung war das frisch und nicht tiefgefroren.“ Karl zückte sein Notizbuch und schrieb sich auf, was der Magen enthielt. „Das ist doch immerhin ein erster Ansatzpunkt. Wenn die Nachstellung der letzten Stunden, die der Junge lebend verbracht hatte, ergibt, dass keiner seiner Freunde mit ihm essen war, dann ist das eine wirklich gute Möglichkeit“, erklärte Karl. „Du machst dich richtig gut, Brander. Schon mal überlegt, ob du Ermittler beim Morddezernat werden willst?“ spöttelte Mark grinsend. Karl hob die rechte Hand, zeigte Mark wortlos den Mittelfinger und erntete damit Gelächter von Mark und ein Kopfschütteln des Mediziners. * Gegen zehn rief Vivien im Präsidium an und bat darum Mark Peters zu sprechen. Sie hatte Mark vor ein paar Monaten über ihre Freundin Christina in einem After-Work-Club kennen gelernt. Eigentlich hatte sie nichts mehr mit ihm zu tun haben wollen, doch er war der einzige, den sie bei der Polizei kannte. Außerdem glaubte sie, er hätte die Beamten gestern zu ihr geschickt. Also stand er in ihrer Schuld, fand sie. „Vivien? Das ist eine Weile her“, murmelte er ins Telefon. „Ich hätte mit allem gerechnet, aber nicht mit einem Anruf von Dir“, gestand er überrascht mit leicht pochendem Herzen. Sein Mund war trocken, die Knie weich. Er hatte wirklich lange nichts mehr von ihr gehört. Die unterschiedlichsten Gefühle stürmten auf ihn ein. Da waren ein leises Verlangen, große Schuldgefühle und eiserne Disziplin. Das alles mischte sich mit einer leichten Freude von ihr zu hören. „Stimmt. Wie geht es dir?“ „Gut. Ganz ausgezeichnet. Danke der Nachfrage. Und dir? Wie geht es dir?“ Mark hatte einige Zeit in extremer Art und Weise an ihr gehangen. Es war eine verzwickte Situation, und inzwischen glaubte Vivien, dass es gar nicht sein freier Wille war, der ihn zu dem angestiftet hatte, was er getan hatte. Mit großer Wahrscheinlichkeit hatte er nur unter dem Einfluss eines sehr alten und kranken Geistes gestanden. Sie hatten nie darüber gesprochen. „Ich wollte mich nach dem gestrigen Selbstmörder erkundigen“, lenkte sie das Gespräch in die eigentliche Richtung. „Oh, verstehe. Tja. Da bist du hier in der falschen Abteilung, aber ich schätze, die Kollegen benötigen noch deine Aussage. Es wird wohl eine Untersuchung geben“, murmelte er. „Konnte man ihn schon identifizieren?“ „Wie gesagt, das liegt nicht in meiner Zuständigkeit. Aber ich hörte, dass er wohl keine Papiere bei sich hatte. Noch wurde niemand als vermisst gemeldet, auf dem konkret seine Beschreibung passt.
Die Kollegen gehen die Fälle der letzten Wochen durch“, antwortete er ihr, während er auf den Ausweis von Nevio Accardi starrte. Das war der junge Mann, der dem Blutegel-Trittbrettfahrer zum Opfer gefallen war. „Verstehe. Was ist mit der Tätowierung? Kann das nicht weiterhelfen?“ „Tätowierung? Ja, eine Tätowierung. Möglich, dass die Kollegen schon die hiesigen Tattoo-Shops angefragt haben. Ich bin da nicht involviert.“ „Verstehe“, nickte Vivien in den Hörer. „Tut mir leid, dass ich dich damit behellige, aber ich habe ein ganz komisches Gefühl“, sagte sie ehrlich. „Was meinst du?“ „Ich glaube nicht, dass er freiwillig sprang.“ Mark stutzte einen Moment. „Was meinst du damit?“ Vivien zögerte und machte schließlich einen Rückzieher. „Ich weiß nicht genau.“ „Na ja, er wurde ja nicht gerade gestoßen“, sagte Mark. „Nein, natürlich nicht. Ach ist schon gut. Ich werde später im Revier vorbeikommen und meine Aussage machen. Alles klar, Mark. Danke.“ „Kein Problem, Vivien. Bis dann“, flüsterte er beinahe. Da lag etwas in seiner Stimme, dass Vivien plötzlich aufhorchen ließ. „Mark?“ „Ja?“ „Alles in Ordnung?“ „Ja, alles okay. Es ist nur. Dieser neuer Fall. Der nimmt mich ganz schön mit. Er ähnelt den Fällen im Sommer. Die Blutegelmorde. Du weißt schon….“ „Was?“ Vivien spürte, wie sich sofort ihre Kehle zusammenzog. Mark biss sich auf die Zunge, da ihm natürlich ihr veränderter Tonfall aufgefallen war. Sie hatte Angst, was nach den Vorfällen im Sommer mehr als verständlich war. „Nein, nein. Keine Sorge. Ich glaube nicht, dass es der gleiche Täter ist. Der ist ja… Nun, laut Aussagen ist der damals im Supermarkt umgekommen. Vielleicht haben wir es jetzt mit einem Trittbrettfahrer zu tun.“ Vivien schwieg einen Moment. Gerade, als er fragen wollte, ob sie noch in der Leitung war, sprach sie weiter. „Sieht mir die Frau wieder ähnlich?“ stockte Vivien beinahe der Atem. „Nein, beruhige dich. Das Opfer ist ganz und gar nicht wie du.“ „Mark, sag mir die Wahrheit. Entspricht sie meinem Typ oder hat sie irgendetwas mit mir zu tun?“ „Ganz sicher nicht. Das Opfer ist ein junger Mann. Ich sagte doch. Kein Grund zur Aufregung.“ Vivien atmete erleichtert auf. Sie hätte es nicht verkraftet, wenn wieder ein Mörder hinter ihr her wäre. * Auf dem Revier musste Vivien nicht lange warten, ehe sie in ein Büro geführt wurde, in dem ein uniformierter Beamter ihre Aussage aufnahm. Als sie endlich fertig war und gehen wollte, kam Mark zu ihnen herein. Er sah gut aus. Er hatte immer gut ausgesehen, war aber nie ihr Typ gewesen. Jetzt in seinem hellen Oberhemd mit dem Schulterhalfter in dem seine Waffe steckte, wirkte er äußerst männlich und attraktiv, nur nicht auf sie. „Vivien, hallo“, murmelte er beinahe tonlos. „Mark“, war auch Vivien überrascht. Sie hatte nicht mehr damit gerechnet ihn hier anzutreffen. Als sie hergefahren war, hatte sie an die Möglichkeit eines Zusammentreffens gedacht, während sie gewartet hatte, hatte sie daran gedacht, dass es möglich, oder sogar wahrscheinlich war ihn hier anzutreffen. Doch jetzt, wo sie eigentlich fertig war, hatte sie nicht mehr daran gedacht, wie es wohl wäre ihm hier zu begegnen.
„Machst du gerade deine Aussage?“ fragt er überflüssigerweise. Sie war noch immer so begehrenswert, wie in seiner Erinnerung. Ihr Gesichtsausdruck war noch immer so unergründlich, ihre Hände so zart, ihr Gesicht so freundlich und offen. Sie hatte noch immer eine gewisse Wirkung auf ihn. „Wir sind gerade fertig. Das sind wir doch?“ vergewisserte sie sich bei dem Uniformierten. Der nickte nur und schaute von einem zum anderen. „Ach so. Gut. Ja, das ist gut. Dann will ich mal nicht stören“, murmelte Mark beklommen und machte Anstalten den Raum wieder zu verlassen. „Warte. Mark, kann ich dich um einen Gefallen bitten?“ Er sah sie nur an. „Ich fühle mich ein wenig verantwortlich. Meinst du, es wäre möglich, dass ich einen Blick auf den Obduktionsbericht werfe?“ Mark tauschte einen kurzen Blick mit dem Uniformierten, der ihm aufgrund der unausgesprochenen Aufforderung des Ranghöheren daraufhin die Fallakte reichte. „Kein Problem. Hier“, reichte Mark ihr unumwunden den Bericht weiter. Mit einem dankbaren Lächeln nahm sie den Bericht entgegen und überflog ihn, wobei sie die wesentlichen Punkte leise vorlas: ‚Obduktionsbericht Nr. sowieso, Datum und Zeitpunkt des Todes, Name unbekannt, Anschrift und Geburtsdaten unbekannt, Geschlecht männlich, Größe 1,96, Gewicht 102,6 kg., Augenfarbe, bla bla bla. Es handelt sich um die Leiche eines Mannes, weißer Hautfarbe, brauner Iris, klarer Kornea. Pupillen starr und erweitert… teilweise ausgebildete Totenstarre… ein Brandmal in Form einer Eule, keine Missbildungen oder Amputationen. …Opfer weist leichte Kratzspuren an den Armen auf, die von Brombeersträuchern herrühren. Am Bauch sind mehrere Schnittwunden, die das Wort Feind ergeben, mit einer scharfen Klinge zugefügt. Alle Zähne sind natürlich und in gutem Zustand. Schwere Gewebeabschürfungen sowie massive Hämatome durch stumpfe Gewalteinwirkung an Brustkorb und Unterleib entsprechen dem Sturz aus höchster Höhe.’ Vivien ließ den Bericht sinken und starrte Mark an. „Diese Fakten… Es ist eine so nüchterne Grausamkeit. Einfach entsetzlich wie ein Mensch mit einem Leben voller Erfahrungen taxiert wird wie… ich weiß nicht. Wie ein Möbelstück in einem Katalog“, fand sie. „Tja. Na ja. So ist das nun mal“, hatte der Uniformierte keine bessere Antwort. „Du wolltest ihn lesen“, erinnerte Mark mit einer hochgezogenen Braue. Vivien nickte nur matt. Dann wappnete sie sich für den nächsten Schritt. Das Foto des Leichnams. Keiner sagte ein Wort, als sie das Foto betrachtete. Vivien saß reglos da und starrte auf etwas, das in den Bauch der Männerleiche eingeritzt war. Eingeritzte Buchstaben. „Feind“, las Vivien die mehr als makabere Nachricht, die der Mann damit hinterlassen hatte. „Was bedeutet das?“ fragte sie in der Hoffnung, von irgendjemandem eine Antwort zu erhalten, doch weder Mark noch der andere Beamte hatte eine Idee. Schweigen. Mark trat näher und warf einen Blick über ihre Schulter, um das Foto eingehender zu betrachten. „Soll das irgendein perverser Scherz sein?“ fragte Mark nun auch ein wenig verwundert. „Eine Art Abschiedsbrief?“ ließ er seinen Gedanken freien Lauf. Vivien schüttelte entschieden den Kopf. Es war ungewöhnlich für einen Suiziden, dass er der Nachwelt mittels Ritzereien einen letzten Gruß hinterließ. Ritzereien kamen ohnehin eher am Unterarm vor und nicht am Bauch. „Pervers schon, aber sicher kein Scherz und auch kein Abschiedsbrief“, entgegnete Vivien.
„Niemand würde Feind als letzten Gruß auf seinen Bauch schlitzen“, wehrte sie diese Theorie noch immer vehement ab. Einen Moment schwiegen sie. Vivien legte das Foto auf den Tisch zurück. Dieser Fall gab einige Rätsel auf. „Und was ist mit dem toxikologischen Bericht?“ Vivien wusste, dass der Pathologe die Organe gewogen, den Mageninhalt untersucht und Gewebe- und Blutproben entnommen hatte. Vielleicht gab eines davon Aufschluss auf diesen seltsamen Fall. Ihren Fall. „Der ist nicht vor Freitag fertig“, antwortete der Uniformierte, obwohl Vivien eigentlich Mark angesprochen hatte. Inzwischen war Mark bereits zur Tür getreten und hatte sie geöffnet, noch ehe Vivien sich von ihrem Stuhl erhoben hatte. „Magst du noch einen Kaffee, ehe du gehst?“ Vivien stutzte über diese freundliche Einladung. Sie zögerte. Nach einem Blick in seine Augen hatte sie das Gefühl, er wollte etwas loswerden. Etwas lag ihm auf dem Herzen, also nickte sie mit einem scheuen Lächeln. „Gern“, sagte sie und folgte ihm hinaus über einen langen Flur bis in sein Büro. * Es war das reinste Chaos. Marks Büro sah aus wie eine kleine Lagerhalle, eine Besenkammer, die als Archiv genutzt wurde. Sein Schreibtisch war, ebenso wie der gegenüberliegende, vor lauter Aktenbergen kaum auszumachen. Überall auf dem Regal, dem Gästestuhl und sogar auf dem Boden waren die Akten verteilt, die nicht zwangsläufig zu Stapeln geordnet waren. Unter seinem Schreibtisch stand eine Reisetasche mit Laufschuhen, Shirt und Socken, von denen einige wie es schien nicht in der Tasche bleiben wollten. Mark gab der Tasche einen kleinen Tritt, damit sie vollständig unter dem Schreibtisch verschwand. Die Akten, die auf dem Gästestuhl lagen, hob er auf und stopfte sie zu einem anderen Papierberg auf der hinteren Ecke seines Schreibtischs. „Und? Geht es dir gut?“ wiederholte er vor Verlegenheit. Vivien nickte, setzte sich zögernd auf den freigewordenen Gästestuhl und sah ihn fragend an. „Bist du noch mit diesem von Thun zusammen?“ fragte er dann. Wieder nickte sie. „Was ist los, Mark?“ wollte sie gleich zur Sache kommen. Mark ging um seinen Schreibtisch herum und setzte sich. „Ich sagte dir doch, wir haben wieder einen Mordfall, der zu der Serie der Blutegelmorde passt. Wir haben gerade wieder die Fahndung nach Adrian Kaiser verstärkt“, sagte er geradeheraus. Als er über die vergangenen...
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