Leseprobe
Single & Fabelhaft
ein Roman
von Kirsten Reko
Kapitel 1
California Dreamboys Ich war 34, geschieden, Mutter von zwei Jungs und seit anderthalb Jahren offiziell Single. Meine Ehe war nicht zerbrochen. Sie war verdampft. Langsam, leise, unauffällig. Kein Betrug, kein Drama, keine Schlammschlacht. Nur zwei Menschen, die irgendwann merkten, dass sie nebeneinander lebten wie zwei Zimmerpflanzen, die man zu lange nicht gegossen hatte. Man könnte auch sagen, er hat mich nicht verlassen. Er hat sich nur irgendwann nicht mehr zu mir gesetzt. Seitdem fragte ich mich manchmal, ob ich noch begehrenswert war oder nur gut darin, unverletzt zu wirken. An diesem Abend begann alles, ausgerechnet am Flughafen. Und am Ende des Abends saß ich mit meinen Mädels im Angies, lachte, gestand und wartete auf ein vibrierendes Versprechen in meiner Handtasche. * „Verspätung ist doch die beste Gelegenheit, jemanden kennenzulernen“, sagte er, ohne mich anzusehen. Ich schmunzelte und fügte hinzu: „Oder die beste Gelegenheit, sich über Fluglinien aufzuregen.“ Er setzte sich neben mich, als wäre es das Natürlichste der Welt. Mitte vierzig, dunkles Haar, Drei Tage Bart, Jeans und Sakko und ein Blick, der ständig kurz vorm Lächeln war. Wir redeten erst über die Verspätung, dann über belanglose Dinge, und ein leiser elektrischer Faden spannte sich zwischen uns. Keine aufgesetzten Anmachsprüche, nur zwei Menschen, die einander neugierig machten. „Und was machen Sie, wenn Sie nicht über Flugverspätungen philosophieren?“ fragte er endlich etwas Persönlicheres. „Ich organisiere Messeauftritte“, sagte ich. „Manchmal reise ich. Manchmal parke ich Autos, die beim Einparken unübersichtlich sind.“ Er lachte, dieses warme, mühelose Lachen, das ich seit Jahren nicht mehr gehört hatte. Nicht bei einem Mann. Und schon gar nicht bei mir. „Klingt nach Abenteuer.“ Im Flugzeug tauschte er sogar seinen Platz, damit wir nebeneinander sitzen konnten. Beim Aussteigen zwinkerte er mir zu: „Wir sehen uns bestimmt wieder.“ Ich merkte, wie ich ihn innerlich schon festhielt, obwohl ich ihn kaum kannte. Ich gab ihm meine Nummer, weil ich wollte, nicht weil er sie brauchte. Und ja, ich hörte mich dabei an wie eine Frau, die seit Monaten keinen Flirt mehr gesehen hat. War mir egal. Dann begann das Warten. Auf dem Weg nach Hause stellte ich mir vor, wie mein Handy vibrierte. Wie er anrief. Wie plötzlich alles möglich wurde. Und während ich mir das vorstellte, wusste ich gleichzeitig, wie groß meine Angst war, wieder fallen gelassen zu werden. * „Donnerstag halb acht in Hamburg… jede Ampel stand auf Rot. Ich hatte die Jungs ins Bett gebracht, bevor ich losfuhr und fühlte mich für einen Abend wieder wie ich selbst. Nur Nina, nicht Mama-Nina. Jetzt saß ich in meinem schwedischen Cabrio, das ich liebte, aber das beim Einparken so übersichtlich war wie ein Schiff im Nebel. Ich trommelte im Takt der Musik auf das Lenkrad, atmete tief ein und versuchte, nicht die Geduld zu verlieren. Ich freute mich auf den Abend, nicht nur wegen der Dreamboys, sondern weil ich meinen Freundinnen von ihm erzählen wollte. Große Neuigkeiten brauchen Publikum.
Endlich, ein Nina freundlicher Parkplatz. Natürlich schnappte mir ein Idiot die Parklücke weg. Ich hasste das. Nach ein paar Runden und einem Manöver, das ich mit der Eleganz einer gestrandeten Möwe ausführte, fand ich endlich einen Platz. Ich stieg aus, zog die Jacke zurecht und genoss die salzige Luft der Stadt. Heute würde alles anders sein. Heute würde ich mich zeigen. Caro wartete schon vor dem Docks. Caro mit ihren rotblonden Locken, Designerin bei einem Billig Label, konservativ, lieb, und das Gewissen unserer Gruppe. Sie umarmte mich, als wäre nichts gewesen, und fragte mit einem Blick, der gleichzeitig Vorwurf und Erleichterung war: „Wieso fährst du nicht mit der Bahn?“ „Weil ich mein Cabrio liebe“, sagte ich. „Und weil ich heute Abend etwas zu erzählen habe.“ „Die sind schon drin“, klagte sie, als ich nach den anderen fragte. „Okay, die finden wir schon“, war ich sicher und ging voran, wie immer, obwohl ich es hasste, vorangehen zu müssen. Das Docks war stickig, leicht vernebelt und voll. Außer Caro und mir waren so ungefähr noch tausend andere Frauen hier. Alle Anfang bis Mitte Dreißig. Autsch. Alle kreischten erwartungsvoll. Lara und Jasmin standen bereits in der ersten Reihe, wo sonst? Lara, unsere Unternehmensberaterin mit den schwarz gefärbten Hochsteckhaaren und dem Gesicht, das eigentlich in einen Kinosaal gehörte. Jasmin, groß, rötlich, glatt, immer geschminkt, immer bereit, Lara Konkurrenz zu machen, selbst wenn es nur um den besseren Hüftschwung ging. Ich war die Kleinste. Aber irgendwer musste ja die Bodenhaftung behalten. „Müssen wir unbedingt ganz vorne stehen? Das ist doch peinlich“, wandte Caro ein. „Nur wer die Nase vorn hat, macht das Rennen, Schätzchen“, sagte Lara, und wenn Lara „Schätzchen“ sagte, klang es immer wie ein Kompliment und eine Drohung zugleich. Die Dreamboys legten los. Choreografie, die saß; Hüftschwünge, die einem den Atem nahmen; Blicke, die direkt in die Brust trafen. Ich versuchte mitzujubeln, aber ein Teil von mir hing noch am Flughafen, an diesem Blick, der mich so unverhofft getroffen hatte. Ich tat so, als wäre ich cool, aber innerlich war ich ein Teenager mit hormoneller Übersteuerung. Es war absurd, aber mein Körper war hier, mein Kopf noch im Gate-Bereich. Ich stand da, den Mund offen, und fühlte etwas, das ich lange nicht mehr gespürt hatte: ein warmes, prickelndes Ziehen, das mit Vernunft nichts zu tun hatte. Als einer der Jungs durchs Publikum ging, streifte ich seinen Oberarm, nur ganz leicht. Seine Haut war warm, weich. Ich verhielt mich wie im Zoo, wenn man ein seltenes Exemplar eines exotischen Tieres streicheln durfte. „Cool, oder?“, flüsterte Lara. Super cool. Vor allem, wenn die so auf einen zuschleichen“, antwortete ich. „Ich will den mit den langen Haaren“, steckte Jasmin ihr Territorium ab. „Schätzchen, wenn du ihn willst, nimm ihn. Wenn nicht, gib ihn mir.“ Wir kreischten, lachten, klatschten. Und tief in mir wusste ich, dass ich mich nach etwas sehnte, das kein Vibrator der Welt ersetzen konnte.
Wir zogen weiter ins Angies, bestellten Cocktails, und Lara begann, wie sie es immer tat, mit einer Geschichte, die keiner erwartet hatte. Ich war dankbar für jede Ablenkung. Alles, was mich aus meinem Kopf holte, war willkommen. Und Lara war die Königin der Ablenkung. „Also ich war Montag bei der Beerdigung meines Chefs“, sagte sie. Die Gruppe verstummte. Man spürte sofort: Lara hatte etwas Ungewöhnliches zu erzählen. „Da war so ein Typ… wir sind dann zu mir gefahren“, fuhr sie fort. Caro japste: „Nur du schaffst es, auf einer Beerdigung jemanden aufzureißen.“ „Andere weinen, du networkst.“ Jasmin lehnte sich vor, erwartungsvoll. „Es war… na ja, ziemlich chaotisch. Er hatte so ruppelige Hände… rau und rissig… und damit hat er ständig über meine heißen Strümpfe gestrichen!“ erklärte Lara. Wir lachten, weil die Vorstellung so absurd war. „Ich dachte die ganze Zeit nur daran, dass die Strümpfe satte 20 Euro gekostet haben“, lachte Lara kopfschüttelnd. „Du gehst mit Strapse zu einer Beerdigung?“ Lara sah Caro mit einem „Ach Schätzchen wirklich jetzt?“-Blick an und zuckte dann leichthin mit der Schulter. „Ich wollte mich hübsch fühlen für die letzte Ehre.“ „Aber der Sex war gut?“ war Jasmin interessiert. „Ich konnte mich überhaupt nicht konzentrieren… ich habe die ganze Zeit nur daran gedacht, wie geil es sein würde, euch davon zu erzählen“, prustete sie jetzt los. „Wie? Du hast dabei gelacht?“ kreischte ich jetzt auch unter Tränen. „Ich habe versucht mir das zu verkneifen.“ Lara ließ eine kleine Pause, als würde sie prüfen, ob wir bereit für den nächsten Teil waren. „Und dann fragte er, was ich so an Spielzeug hätte“, fuhr sie fort. Unsere Neugier war geweckt. „Nichts Wildes“, sagte Jasmin. „Ein Vibrator, Liebesperlen und ein paar Sexy Dessous oder?“ „Power Stud?“, neckte ich. „Super weiches Jelly, herrlich dick und biegsam… naturgetreue Eichel… in schweinchenrosa?“ fügte Jasmin wissend hinzu. Alle Augen ruhten auf Lara. Wir waren alles gespannt was sie wohl alles im Repertoire hatte? „Und ich denke in dem Moment nur an Mensch-ärgere-dich-nicht und Vier-Gewinnt. Das hatte ich da. Aber sonst nichts. Und da ist mir klargeworden, ich hatte nicht mal einen anständigen Vibrator!“ Das überraschte uns alle. „Keine Panik, Mädels. Ich bin sofort online gegangen und habe mir ein paar Sachen bestellt.“ „Aha, in neutraler Verpackung…“, konnte Jasmin sich nicht verkneifen. Damit hatte sie die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. „Nachtigal ick hör dir trapsen“, ermunterte ich sie zu einem kleinen Geständnis. Jasmin war dahingehend kein unbeschriebenes Blatt. Zumindest da hatte sie Lara endlich einmal etwas voraus und zwar einen Dildo und Liebesperlen. „Wie funktionieren die eigentlich?“ wollte ich schon immer mal wissen.
„Durch ihr Gewicht massieren sie die Vaginalwand… finden sogar den G Punkt“, war Jasmins Resümee. Ich nickte dankend und wandte mich wieder Lara zu. „Und? Bist du fündig geworden?“ „Jedenfalls nicht Bestell Nummer: 4711 und ganz sicher nicht 08/15“, bestätigte Lara. „Heftig finde ich, die Seite nur für IHN“, brachte sich Jasmin wieder ins Spiel. „Da gibt es so Outfits, also Sex-Dessous.“ „Sexy Dessous sind doch schön“, wandte Caro ein. Sie als Modemacherin musste es ja wissen. „Nicht sexy Dessous. Sex-Dessous mit Namen wie: Tokio-Doll, Nurse-Doll oder Private-Secretary-Doll.“ Wir alle blickten sie mit großen Augen an und dachten uns unseren Teil. „Schätzchen, du warst auf der Seite für die Gummipuppen“, lachte Lara erneut los. Mir trat sofort ein Bild von einer Gummipuppe mit rundem, geöffneten Mund und Krankenschwesterkostümchen vor die geistigen Augen. Und von Luftmatratzen. „Und auf der Seite wo in güldenen Lettern stand: Entdecken Sie Keuschheitsgürtel für Kontrolle und lustvolle Spiele. Von ferngesteuerten Käfigen bis hin zu vibrierenden Gürteln bietet Shugar-Cage sichere, ästhetische und körpergerechte Optionen.“ Wir glotterten wie die Hühner, alberten diskutierend herum. Das Gespräch sprang von Anekdote zu Anekdote. Caro verzog das Gesicht bei Nippelklemmen, Jasmin erklärte mit ernster Miene, wie Liebesperlen wirkten, und Lara schwärmte vom neuen Fund im Netz. Ich dachte kurz an meine Jungs zu Hause und daran, dass ich keinen Vibrator besitzen konnte, ohne Angst, dass einer von ihnen ihn als Spielzeug entdeckte. Trotzdem genoss ich die Offenheit, das gemeinsame Kichern, das Gefühl, dass wir uns alles sagen konnten. Für einen Moment wurde es stiller am Tisch. Es war dieses seltene, zarte Stillwerden, das nur entsteht, wenn vier Frauen gleichzeitig merken, dass hinter all dem Gelächter noch etwas anderes wartete. Also lehnte ich mich vor. „So, Leute“, sagte ich, „ihr glaubt nicht, was mir passiert ist.“ Sofort verstummten sie. „Ich habe einen Mann kennengelernt“, ließ ich die Bombe platzen. „Und bevor ihr fragt: Nein, ich habe nicht sofort meine Zukunft mit ihm geplant. Nur… vielleicht ein kleines bisschen.“ Für einen Moment fühlte ich mich wie die Version von mir, die ich früher war, bevor Windeln, Scheidung und Alltag mich in Schichten gelegt hatten. Vielleicht war das der Grund, warum er mich so getroffen hatte. Die Aufmerksamkeit war auf jeden Fall jetzt meine. „Wir haben uns am Flughafen kennengelernt“, fuhr ich fort. Ich erzählte von Stuttgart, von der Verspätung, von dem Mann, der sich neben mich gesetzt hatte. Und während ich sprach, spürte ich dieses alte Ziehen: die Frage, ob ich überhaupt noch jemandes erste Wahl sein konnte. Vielleicht hatte er mir gezeigt, dass da noch etwas in mir glühte, das ich längst abgeschrieben hatte. Ich beschrieb ihn, weil Beschreiben eine Art war, jemanden festzuhalten: die dunklen Haare, den kecken Blick, die breiten Schultern, den Mund, der gefährlich lächelte. Ich erzählte von den Blicken, vom Platztausch im Flugzeug, vom Zwinkern beim Abschied. Und ich sagte, dass ich ihm meine Nummer gegeben hatte.
„Er hat so eine Präsenz“, sagte ich. „Wie eine große Uhr, die alle Blicke auf sich zieht.“ Drei Gesichter starrten mich an. Ich war seit anderthalb Jahren Single, und plötzlich fühlte sich die Möglichkeit, dass etwas Neues beginnen könnte, so groß an, dass mir kurz schwindelig wurde. „Na dann“, grinste Lara, „stoßen wir an auf deinen Big Ben.“ Big Ben. Der Name passte. Nicht wegen Größe oder irgendetwas Körperlichem. Sondern wegen seiner Art. Stabil. Verlässlich. Unübersehbar. „Er wird mich anrufen“, sagte ich, und es klang weniger wie eine Vorhersage, mehr wie ein Wunsch, den ich laut aussprach, damit er wahr werden konnte, auch wenn ich tief in mir befürchtete, dass er nicht anrief. Jasmin drückte meine Hand. Caro klopfte mir auf die Schulter. Lara nickte mir zu: „Er wird schon.“ Ihre Stimme war nicht so überzeugt, wie sie es gern hätte. „Hätte ich darauf bestehen sollen, dass ich seine Nummer bekam?“ Lara sah mich voller Mitgefühl an. „Würdest du ihn denn anrufen?“ Ich seufzte. Ich war so total ungeübt in solchen Sachen, aufgeregt und ängstlich zugleich. Die Gespräche nahmen wieder Fahrt auf. Während die anderen lachten und die Gläser klirrten, starrte ich immer wieder auf mein Handy. Es lag auf dem Tisch wie ein kleines, stilles Versprechen. Ich stellte mir vor, wie es vibrierte, wie sein Name aufleuchtete, wie ich abnahm und hörte: „Hi, ich bin’s.“ Ich stellte mir vor, dass ich mich selbst wählen würde, dass ich mich nicht mehr an Männern messen lassen würde, sondern an dem, was ich mir wert war. Er würde anrufen. Er musste. Die Musik im Angies wurde lauter, die Lichter flackerten, und draußen zog Hamburg seine Nachtjacke an. Wir prosteten uns zu, lachten noch einmal, und ich fühlte mich für einen Moment ganz. Nicht weil ein Mann mich begehrt hatte, sondern weil ich Freundinnen hatte, die mich kannten, die mich spiegelten, die mich liebten, mit all meinen Wunden und Witzen. Ich nahm einen Schluck von meinem Cocktail, legte die Fingerspitzen an mein Handy und wartete. Nicht direkt nur auf einen Anruf. Auf ein Vibrieren. Auf ein Zeichen. Auf die Möglichkeit, dass ich mich nicht wieder täuschte. Hoffnung und Angst lagen nebeneinander wie zwei schlafende Tiere, und ich wusste nicht, welches zuerst aufwachen würde.
Kommunikationswege Ich kam spät nach Hause. Nachdem ich mich endlich von den Mädels verabschiedet hatte, zückte ich sofort mein Handy und starrte darauf. Keine Nachrichten. Normalerweise beruhigte mich das, keine Nachrichten bedeuteten: niemand hat sich verletzt, gestritten oder die Küche abgefackelt. Die Jungs schliefen sicher schon, genauso wie meine Mutter. Heute hätte ich gern eine Nachricht gehabt. Von ihm. Seufzend schloss ich die Haustür auf, streifte im Flur die Schuhe ab und warf den Schlüssel auf die Fensterbank. High Heels sehen klasse aus, sind aber der Tod jedes Fußes, der jemals etwas falsch gemacht hatte. Leise tapste ich die Treppe hinauf. Im Erdgeschoss mein Reich, im Obergeschoss das der Kinder. Ich lugte in Zimmer Nummer eins. Mein Großer schlief tief und fest. Max war letzte Woche zwölf geworden; wir hatten seinen Geburtstag wie die Pfadfinder gefeiert: Zelt im Mini-Garten, Nachtwanderung, Stockbrot. Sanft strich ich ihm über die Haare und schlüpfte wieder hinaus. In Zimmer Nummer zwei lag mein Kleiner. Moritz, zehn Jahre und ein halbes Leben voller Witze. Für die Schule brachte er allerdings kaum Interesse auf. Ich zog ihm die Decke wieder über die Schultern, natürlich hatte er sie weggestrampelt, und schloss leise die Tür. Wieder ein Tag vorbei, an dem ich meine Jungs kaum gesehen hatte, und mein Herz wurde schwer wie ein nasser Waschlappen. Manchmal fragte ich mich, ob ich zu viel jonglierte, Job, Kinder, Sehnsucht, Müdigkeit. Und ob ich irgendwo dazwischen mich selbst verlor. Das Klingeln des Telefons riss mich aus meinen Gedanken. Mein Herz machte einen Sprung, dann schimpfte ich innerlich mit mir. Natürlich würde er nicht um diese Zeit anrufen. „Hallo?“ meldete ich mich und achtete darauf, wach zu klingen. Für den Fall, dass es Einbrecher waren, die testen wollten, ob sie leichtes Spiel mit einer schlafenden Familie hatten. Als würden Einbrecher vorher höflich anrufen. Aber mein Gehirn war schon immer kreativ, wenn es müde war. „Hey, Schätzchen“, flötete Lara. „Ich wollte nur hören, ob du gut nach Hause gekommen bist.“ Ich ging ins Bad und begann mich abzuschminken, während ich den Hörer auf Lautsprecher stellte. „Alles gut. Ich weiß, er wird mich anrufen.“ „Versteif dich da nicht so drauf, sonst bist du nachher nur enttäuscht.“ Ich grinste und entfernte Lidschatten vom linken Auge. „Versteifen?“ „Oops, habe ich gerade von Versteifen gesprochen ?“ lachte Lara kurz auf. „Mal was anderes: Ich muss morgen zu einer blöden Benefizveranstaltung von einem unserer Klienten. Kommst du mit? Bitte, bitte, bitte?“ „Morgen?“ Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen. Ich hätte gern mal einen Abend ohne Termine gehabt. Die Jungs konnte ich doch nicht schon wieder allein lassen. „Schätzchen, es ist im Elysée. Wir machen uns schick. Du kommst.“
Ich seufzte. „Warum nimmst du nicht Caro oder Jazz-men mit?“ „Weil ich mit dir dahin möchte.“ Ich gab nach. Wie immer, wenn sie so klang. Nicht, weil ich nicht zu Hause bleiben wollte, sondern weil ich wusste, wie sehr sie sich freute, und weil ich ihrer lächelnden Stimme nie widerstehen konnte. Am nächsten Morgen brachte ich die Jungs zur Schule und fuhr ins Büro. Wichtige Besprechung. Messe in Amsterdam. Ich hatte alles vorbereitet, aber die Chefs wollten natürlich noch „kurz drüberschauen“. Das Meeting dauerte zwei Stunden und zehn Minuten. „Wie viele Quadratmeter haben wir reserviert?“ „Gibt es wieder einen Wasserspender?“ „Ist genug Platz für die Abstellkammer?“ „Wie viele Flyer sind verschickt?“ „Was ist mit den Kunden in Übersee?“ „Parkausweise?“ „Welches Hotel?“ „Welche Auslegeware?“ Als hätte ich das nicht schon hundertmal gemacht. Ich war kurz davor, mir selbst eine Frage zu stellen, nur um die Reihe zu vervollständigen. Aber ich beantwortete jede Frage geduldig und souverän. Am Ende waren alle zufrieden. Ich ließ mich mit einem tiefen Stöhnen in meinen Bürostuhl sinken. Zum Glück hatte ich ein Einzelbüro. Direkt neben der Herrentoilette, aber das war mir egal. Früher war es eine Abstellkammer gewesen. Jetzt war es mein Reich. Ich schaltete den Laptop ein und holte mir Kaffee. Als die alte Kiste endlich hochgefahren war, saß ich schon wieder am Schreibtisch. Ich öffnete meine Mails. Zwei von der Messegesellschaft. Eine vom Messebau. Ein paar aus Stuttgart. Und eine, bei der mir der Atem stockte. Ich stellte die Tasse hastig ab und öffnete die Mail. „Hallo schöne Frau, schnell schon mal ein kurzes Mail. Hatte gestern zig Mal probiert dich zu erreichen, keine Möglichkeit durchzukommen, aber wahrscheinlich habe ich mich nur zu dappig angestellt. Ein Grund, dich zu einem Wiedergutmachungsessen einzuladen, was ich natürlich gerne mache. Bin nächste Woche von Dienstag bis Donnerstag in Hamburg. Melde mich dann bei dir. CU Ben.“ Ich hätte schreien können vor Freude, hielt mir aber den Mund zu wie eine Irre und juchzte leise, damit niemand etwas hörte. Automatisch griff ich zum Telefon. „Ich hab’s doch gesagt!“ „Schätzchen, erzähl!“ Ich las Lara die Mail vor, und wir analysierten jedes Wort wie ein Uhrwerk: mit Lupe, Humor und einem Hauch Paranoia. „Und was heißt denn überhaupt: keine Chance durchzukommen. Wo wohnt der denn, im Outback? Wo wohnt der überhaupt?“ wollte Lara jetzt wissen. „In der Nähe von München“, wusste ich zu berichten. „München?“ kreischte Lara. „Süße, du weißt schon, dass das ein gutes Stück entfernt ist?“ „Ja ich weiß. Aber er ist oft in Hamburg und ich bin oft in Stuttgart, was ja nun wirklich nicht weit von München weg ist. Eine Fernbeziehung hat ja auch Vorteile. Ich habe eh keine Zeit für einen Mann. Ich habe Kinder!“ sang ich ein Lobeslied auf alle Fernbeziehungen dieser Welt. *
Am Samstag konnte ich nur eines tun: shoppen. Caro hatte keine Zeit, also ging ich mit Jasmin los. „So, und wohin wird er dich ausführen?“ interessierte sich Jasmin. „Keine Ahnung. Er hat mich zum Essen eingeladen. Zum Wiedergutmachungsessen, weil er mich nicht erreichen konnte“, verwöhnte ich sie mit Details. „Ach, ich wünschte das würde Noah auch mal machen.“ Noah, das war Jasmins Chef. Verheiratet, arrogant, gutaussehend, gut bestückt, aber schlecht im Bett. Dennoch war sie ihm total verfallen. Vermutlich, weil sie ihn nicht haben konnte. „Weißt du, neulich hat er wieder gesagt, wie unglücklich er in seiner Ehe ist. Und dass wir nächstes Jahr vielleicht zusammen in den Urlaub fahren, weil seine Kinder dann alt genug sind, um eine Trennung zu verkraften…“ „Ich sag’s dir nur ungern, Jazz-men: Der einzige Mann, der sich so lange Zeit lässt, ist der DHL Bote mit einem eiligen Paket für mich.“ „Aber nein. Das siehst du falsch. Er meint das wirklich ernst.“ „Mausi, wenn er es ernst meinen würde, würdet ihr nicht Würfelspiele in deiner Wohnung spielen, sondern Pizza essen, irgendwo, wo Menschen euch sehen dürfen.“ Ich gab es ja zu. Jasmins ständige unbegründete Hoffnung darauf, dass sich ihr Chef irgendwann mal von seiner Ehefrau trennte und sich für sie entscheiden würde nervte auch mich langsam. Nach zwei Stunden Monolog über Noah unterbrach Lara sie: „Schätzchen, wenn er bereit für dich ist, warum steht auf seiner Smartwatch ‚Familienzeit‘?“ Das verschlug Jasmin jegliche Antwort. Also sorgte ich schnell für Themenwechsel. „Mausi, ich brauche dringend heiße Dessous.“ „Wieso?“ sprang sie sofort darauf an. „Weil ich mich damit besser fühle. Außerdem weiß man ja nie.“ „Doch nicht beim ersten Date!“ Jasmin zog eine Braue hoch. „Natürlich nicht. Aber fürs zweite muss ich dann nicht mehr darüber nachdenken.“ Das überzeugte sie. Eineinhalb Stunden später verließen wir den Dessousladen mit Tüten in der Hand und glücklichen Gesichtern. * Am Sonntag waren wir bei Biene zum Kaffee eingeladen. Während die Kinder im Garten spielten, erzählte sie von ihrem Eheleben. „Was war denn eigentlich mit deinem Telefon los?“ wechselte ich irgendwann das Thema. „Ach, hör bloß auf. Am Donnerstag war die Umstellung, weil wir doch den Anbieter gewechselt haben. Seitdem funktionierte nichts mehr. Ich kann dir gar nicht sagen, wie oft ich bei den Nachbarn war, um von dort aus beim Anbieter anzurufen.“ „Wieso?“ war ich begriffsstutzig. „Na, unsere Handys funktionierten beide nicht, und Müllers haben noch einen Festnetzanschluss.“ „Ah, verstehe.“ „Nee, du verstehst noch nicht mal die Hälfte. Dann stehst du da also, neben Frau Müller und sagst in Minutenabständen immer mal eine Zahl zwischen 1 und 9“, berichtete Biene von ihrer größten Schmach der letzten Tage.
Ich lachte laut auf. „Aber nun funktioniert wieder alles?“ „Ja, mehr als das. Ich hatte schon zahllose Anrufe, die gar nicht für mich waren. Irgendein Typ wollte sich mit mir verabreden.“ „Nicht dein Ernst“, warf ich spöttisch ein. „Ja, er behauptete, wir kennen uns vom Flughafen. Und gleich darauf rief er schon wieder an. Da haben wir die Nummer verglichen. Nummer stimmte und er beharrte darauf, dass ich das Mädel sein musste, das er am Flughafen kennengelernt hatte. Was für eine schwachsinnige Anmache. Ich treibe mich doch nicht an Flughäfen herum.“ Ich runzelte die Stirn. „Aber das war nicht wieder dein anonymer Anrufer?“ Biene hatte vor einiger Zeit ständig solche Anrufe. Der Typ hatte sich zunächst mit Hallo hier ist Steffen gemeldet. Biene fiel natürlich darauf herein und ratterte schnell alle Steffens, die sie je gekannt hatte durch, traf die Entscheidung es handelte sich wohl um einen alten Klassenkameraden, der anlässlich des nächsten Klassentreffs anrief und begann zu plaudern, bis er verkündete, er würde sie jetzt gerne „ficken“. Biene übergab den Hörer an ihren Mann, der mit seiner tiefen Stimme das Gespräch fortführte, na ja, auch wenn das dann schnell beendet war. „Nein, der war total nett. Hat kurz von dem tollen Gespräch geschwärmt und sich dann bei mir für die Störung entschuldigt. Schon witzig, immerhin hattest du ja auch einen Aufriss am Flughafen. Kommt da wohl öfter mal vor, was?“ Mein Herz setzte aus. Natürlich. Wenn irgendwo Chaos entstand, war ich statistisch gesehen beteiligt. „Flughafen? Hat er seinen Namen gesagt?“ „Ja, Tom oder Ken. Nein warte, Ben. Warum?“ „Ben?“ horchte ich auf. Plötzlich überschlug sich alles in mir. Mein Herz raste, mein Blut rauschte wie auf Ecstasy durch meine Adern, nicht das ich schon mal auf Ecstasy war, aber so stellte ich mir das vor. Ich konnte vor Aufregung nicht klar denken. Mir wurde heiß und kalt zugleich. „Oh nein!“ brüllte ich dann los und schlug mir die Hände vor das Gesicht. Biene sah mich belustigt an. „Ich Schaf!“ schalt ich mich. „Was ist denn?“ wunderte sich Biene noch. Er hatte die falsche Nummer. Ich hatte meinem Flughafentypen aus Versehen Bienes Nummer gegeben. Ich Schaf. „Ich bin so ein Trottel. Hat der noch was gesagt?“ wollte ich wissen, während ich versuchte mein Herzklopfen unter Kontrolle zu bekommen. „Keine Ahnung. Nur das er schon seit Tagen versucht durchzukommen und es ihm ja jetzt endlich gelungen war. Das er wohl die falsche Nummer hatte und wie schade.“ Das konnte auch nur mir passieren. Aber immerhin hatte er sich gemeldet. Er war also interessiert. Ich wusste es, jubelte ich innerlich. „Ach du Scheiße“, kam mir dann eine weitere Erkenntnis. „Jetzt kann er mich gar nicht erreichen. Hätte ich mir doch bloß seine Nummer geben lassen.“ Biene grinste breit. „Doch, du hast seine Nummer“, wusste sie es besser. Natürlich, seine Nummer wurde ja in ihrem Handy angezeigt. Ich liebte Biene noch mehr, als je zuvor. *
Sonntagabend. 21:23 Uhr, laut Lara die perfekte Anrufzeit, denn sie hatte mir streng verboten, vor neun anzurufen. Ich zählte bis drei und wählte seine Nummer. Es klingelte. Mir grummelte der Magen, es klingelte noch mal. Mir klopfte das Herz. Es klingelte ein drittes Mal. Ich schluckte bitter und machte mich bereit für meinen Text. „Hallo, Ben hier?“ „Hi Ben, hier ist Nina.“ Das Gespräch war perfekt. Ich erklärte, dass ich ihm versehentlich die Nummer meiner Freundin gegeben hatte, weil es eigentlich die einzige Nummer war, die ich auswendig wusste. Wir lachten über das Missverständnis. Er schlug Dienstag für unser Treffen vor. Ich sagte ja. Natürlich sagte ich ja. Ich hätte auch ja gesagt, wenn er Dienstag zum Blutspenden vorgeschlagen hätte. Am nächsten Morgen ging ich mit einem Lächeln zur Arbeit, das nicht mehr ganz von mir allein war. Mein Herz fand das toll. Mein Kopf war skeptisch. Und mein Humor saß dazwischen und knabberte Popcorn. In Meetings dachte ich plötzlich: Was, wenn ich mich wieder verliebe? Und wieder verletzt werde? Ich erinnerte mich an mein Versprechen: Ich werde mich selbst wählen. Als ich abends die Kinder ins Bett brachte, dachte ich an Ben. An Lara. An Biene. An Jasmin. An all die verrückten Wege, auf denen das Leben plötzlich etwas schenkte. Mein Handy vibrierte. Ich lächelte. Nicht, weil ich es erwartet hatte. Sondern weil ich bereit war. Vielleicht war das der Anfang. Vielleicht nur ein schöner Moment. Aber zum ersten Mal seit Langem fühlte ich mich wieder lebendig. Erstes Date Dienstagabend. Um sich ja nichts von meinem Sexleben entgehen zu lassen, waren Lara, Caro und Jasmin tatsächlich vorbeigekommen, um an meinem ersten Date mit Big-Ben zu schmarotzen. Ich liebte sie dafür, denn ohne sie hätte ich diese Phase nicht durchgestanden. Ich war so aufgeregt wie vor meinem Abtanzball und der lag ungefähr drei Leben zurück. Trotzdem fühlte ich mich genauso: wie ein Teenie. „Wow, du siehst Hammer aus“, stieß Lara hervor, als sie mich in meinem Outfit sah. Ich trug ein schwarzes Minikleid, dessen Träger mit sexy Clips wie Hosenträger befestigt waren. „Ich gehe mal davon aus, dass du heute mit ihm schlafen wirst“, verkündete Lara trocken. „Doch nicht beim ersten Date“, wehrte ich ab und sah unsicher zu Caro hinüber, die mir zu diesem Outfit geraten hatte. „Heute gibt es keinen Sex. Heute bin ich nur der Trailer. Der Film läuft frühestens nächste Woche“, bestätigte ich. Jasmin lächelte milde. „Wenn du meinst.“ „Wie meinst du das? Ich werde heute ganz sicher nicht mit ihm ins Bett steigen!“ „So etwas kann man nicht planen“, sagte Lara. „Wenn’s passiert, passiert’s.“ „Ich dachte, es wäre dir ernst mit ihm. Dann kannst du nicht beim ersten Date mit ihm schlafen“, belehrte Jasmin mich. „Das will ich ja auch gar nicht!“
„Wenn dir wirklich etwas an einem Mann liegt, solltest du ihn mindestens fünf Tage in der Warteschleife halten“, fiel mir nun auch Caro in den Rücken. „Und das kann ich mit diesem Outfit nicht?“ war ich nun unsicher. Die Mädels betrachteten mich nochmals eindringlich. Lara und Jasmin schüttelten den Kopf und Caro seufzte, stand auf und zog ein weißes T-Shirt aus meinem Schrank. „Hier. Zieh das drunter.“ Ich starrte das No-Name-Shirt an und verzog das Gesicht. „Los, mach“, schob Caro mich Richtung Schlafzimmer und zog den Reißverschluss meines Kleides herunter. „Immerhin wird er keine Probleme haben, dich auszupacken“, kicherte Lara und nippte an ihrem Prosecco. Ich betrachtete mich im Spiegel und sah aus wie die Vorher Version eines Make over Videos. Das Kleid war tatsächlich overdressed und mit dem T-Shirt darunter sah es komplett daneben aus. „Nee. Das ziehe ich nicht an!“ Der Blick in den Spiegel ließ meine Mundwinkel herunterhängen. Ich riss den Reißverschluss wieder auf, pellte mich aus dem Kleid, griff nach meiner Jeans, zog ein Top mit tiefem Dekolleté an und legte Strassgürtel und drei fette schwarze Modeschmuckketten um. Ich war die Frau, die behauptete, sie sei souverän und sich dann dreimal umzog, weil ihre Nerven eine andere Meinung haben. „Perfekt!“, jubelte meine weibliche Fangemeinde. Ich war erleichtert und gleichzeitig völlig überdreht. Ich war ein Teenager in einem Frauenkörper. Die Jeans signalisierte: kein Sex heute. Das Top signalisierte: Interesse vorhanden. „Vergiss die fünf Tage und vögle gleich heute“, rief Lara. „Auf keinen Fall“, mahnte Jasmin. „Nur nicht beim ersten Date.“ „Warum soll das wichtig sein?“ „Wenn du ihn gleich ranlässt, ist der Reiz weg.“ „Blödsinn. Ein Mann kann dich so oder so abservieren“, konterte Lara. „Meiner Erfahrung nach hält eine Beziehung länger, wenn man beim ersten Date Sex hatte. Darüber gibt es bestimmt eine Studie.“ „Die hast du selbst gemacht, oder?“, lachte Caro. „Wann hatte ich je ein zehntes Date, Schätzchen?“ gab Lara trocken zurück. Wir lachten und prosteten uns zu. „Stößchen!“ „Wenn man wartet, entsteht erst eine emotionale Bindung“, beharrte Jasmin. „Oder man weiß sofort, ob es im Bett funktioniert“, hielt Lara dagegen, und bemerkte zu spät, dass Jasmin leicht angesäuert dreinsah. „Ach Süße… läuft es immer noch nicht besser bei euch?“ Jasmin verzog das Gesicht. „Mittlerweile wäre ich froh, wenn überhaupt mal was laufen würde. Ständig ist er auf Geschäftsreise.“ „Das ist er doch aber immer. Damit musst du dich schon jetzt abfinden“, sagte ich vorsichtig. „Egal ob du ewig seine Geliebte bleibst oder irgendwann seine Frau wirst.“ Caro und Lara starrten mich an. Wir wussten alle, dass letzteres nie passieren würde. „Aber dann käme er am Wochenende zu mir und nicht zu ihr“, murmelte Jasmin. Wir schwiegen. Manchmal war Schweigen besser. „Ich folge meinem Gefühl“, sagte ich schließlich. „Ich lasse mich nicht von Grundsätzen gängeln. Und Regieanweisungen brauche ich heute wirklich keine mehr.“
Caro hob eine Braue, Lara grinste, Jasmin seufzte. Meine persönliche Regiecrew sah mich an, als hätte ich gerade den Trailer zum falschen Film angekündigt. „Recht so, Schätzchen“, grinste Lara. „Ich glaube sowieso nicht an erste Dates. Ich glaube an den Sex danach.“ Ich wechselte schnell das Thema. „Wie war’s eigentlich Samstag im Elysée?“ „Nichts Besonderes. Aber Caro, wo bist du plötzlich verschwunden?“ Caro blickte verlegen zu Boden. „Ich habe etwas total Verrücktes gemacht.“ Sofort waren wir hellwach. „Da war so ein Typ vor der Klotür“, begann sie. „Ich hab ihn gleich sehr herablassend angezickt, so nach dem Motto: Weg da. Ich muss da jetzt dringend mal rein. Als ich wieder rauskam, stand er immer noch da. Er kam auf mich zu, nahm mein Gesicht in die Hände und küsste mich. Ich war so überrumpelt, dass ich im ersten Moment gar nicht wusste, wie mir geschah.“ Wir starrten sie an. Ich hätte alles erwartet, aber nicht das. „Dann haben wir ein Taxi genommen und sind zu ihm gefahren.“ „Du hattest einen One-Night-Stand?!“ Caro nickte. „Er hatte keinen Schlüssel dabei. Also hat er ein Seitenfenster eingeschlagen und ist eingestiegen.“ „WAS?!“ „Ich weiß. Komplett verrückt. Aber dann… Küche. Getränke. Und irgendwann hat er mich von hinten genommen. Seine Finger waren eiskalt, als er mir vorne behilflich war. Ich bin richtig abgegangen.“ Lara grinste breit. „Pluspunkt, einer der weiß, dass man seine Finger einzusetzen hat, wenn frau von hinten genommen wird.“ „Ja, voll. War ganz geil. Eine ziemlich hotte Nummer.“ „Am Morgen bin ich gegangen. Keine Ahnung, wie er heißt.“ „Und? Werdet ihr euch wiedersehen?“ wollte ich wissen. „Ich glaube inzwischen er ist da eingebrochen.“ Wir starrten sie überrascht an. „Ja, okay. Das stand in meiner Abendblatt-App.“ „Wie bitte?“ riefen Lara und ich wie aus einem Munde. „Sowas ist eine einmalige Erfahrung“, versuchte sich Caro aus der Affäre zu ziehen. Das haute uns um. Unsere saubere Caro eine Kriminelle? Unglaublich. Wenn das so weiterging, brauchten wir bald eine eigene Netflix Serie. Ich hatte ja schon viele Männergeschichten gehört, aber Sex mit Einbrecher war neu in unserem Freundinnen Portfolio. * Als Big-Ben mich abholte, war ich perfekt vorbereitet aber völlig sprachlos. Seine Augen glänzten, sein Lachen war jungenhaft, obwohl er gut zehn Jahre älter war als ich. Mir war schwindelig, mein Herz raste. „Hi“, sagte er lächelnd. „Du siehst toll aus.“ Wir fuhren los. Er legte Bon Jovi ein. Es wirkte. Vor dem Italiener „La Fonte“ sprang er aus dem Wagen und öffnete mir die Tür. Ein Gentleman. Ich genoss jede Sekunde. Im Restaurant erzählte er von Reisen, vom Militär, von einer Giftschlange in Indien. Er war so offen und gleichzeitig so bescheiden, dass ich ihn noch sympathischer fand. Ich hing an seinen Lippen und stellte mir vor, wie es wäre, sie
zu küssen. Wie unendlich süß sie schmecken würden oder fordernd und verlangend. Gleichzeitig versuchte ich völlig unauffällig, eine Spinatfaser aus meiner Zahnlücke zu manövrieren. Cool bleiben, sagte ich mir. Falls er mich küsst, soll er nicht erst mal Gemüse ernten müssen. Auf dem Heimweg begann es zu nieseln. Er griff nach meiner Hand. Mein Herz machte einen Satz, mein Kopf stolperte hinterher. Wir saßen da wie verliebte Teenager und hielten Händchen. Er strich erst ganz leicht über meine Hand, als wolle er testen, ob ich sie wegziehe. „Jetzt müsste man im Stadtpark spazieren gehen“, hörte ich mich sagen. „Dann musst du mir sagen, wie ich fahren muss.“ Unglaublich. Er wäre tatsächlich jetzt mit mir zum Stadtpark gefahren. Ich war kurz davor, mich selbst zu kneifen. Oder ihn. Hauptsache, einer von uns merkte, dass das hier wirklich passierte. Vor meinem Haus brannte Licht. „Der Babysitter“, murmelte ich. Er antwortete nicht, beugte sich zu mir, streichelte meine Wange und küsste mich leicht. Ich zog ihn zu mir zurück und küsste ihn richtig. Was für eine Heldentat. Für mich fühlte es sich an wie ein kleiner persönlicher Triumph. Dann riss ich mich los, sprang aus dem Auto, beugte mich noch einmal zum Fenster, bedankte mich, und wankte zur Haustür. Mir schwirrte der Kopf vor Rotwein, Hormonen und einer Prise Wahnsinn. „Und?!“ kreischten die Mädels, als ich ins Wohnzimmer kam. Ich ließ mich aufs Sofa fallen. Drei Flaschen Prosecco waren leer. Ich war ein emotionaler Cocktail: zwei Teile Glück, ein Teil Rotwein, ein Spritzer Überforderung. „Es war toll“, sagte ich. „Ich bin der glücklichste Mensch der Welt.“ „Habt ihr euch geküsst?!“ „Wir haben Händchen gehalten.“ Sie kreischten, und ich fiel mit ein. „Und dann?“ Ich lächelte. „Ich glaube, ich bin verliebt.“ Mein Gehirn war dagegen, mein Herz dafür – und mein Bauch winkte mit einer kleinen Fahne. „Ach du Scheiße“, sagte Lara. „Na dann“, hob sie ihr Glas und wir stießen an. Ein Toast auf Big-Ben. Auf Freundschaft. Und auf das Chaos der Liebe. Ich ahnte nicht, dass das Chaos gerade erst angefangen hatte.
Weiberabend „Ob blond, ob braun, ich liebe alle Frau’n …“, so lautete die Zeile in einem uralten Schlager. Wir sangen jede Woche: „Ob dein oder mein, der Mittwoch muss es sein.“ Mittwochabend war Weiberabend. Meine Freundin Biene, die ich seit Kindertagen kannte, lud jeden Mittwoch zu Wein, Oliven und Klatsch ein. Manchmal saßen nur wir zwei am üppig gedeckten Tisch, meistens aber war das Wohnzimmer voll laut, warm, lebendig. Heute waren wir vollständig. Sogar Pia war da. Pia war neu und selten in unserer Runde, frisch getrennt, leicht überdreht und genau die Sorte Frau, die man sofort ins Herz schloss. Bienes und meine Kinder gingen gemeinsam mit ihren zur Schule. Es duftete herrlich nach Zucchini und Möhren à la Provence, dazu gab es frisches Baguette und Knoblauchcreme. Biene war die beste Köchin der Welt. Wir hatten schon überlegt, sie heimlich bei einer Kochshow anzumelden. „Hi, ich bin Pia“, stellte sich die Neue vor, die Biene eingeladen hatte. Ich kannte sie zwar aus der Schule der Kinder, die anderen jedoch noch nicht, aber sie fügte sich sehr schnell ein. Smalltalk, Gelächter, klapperndes Geschirr und irgendwann landeten wir, wie immer, beim Wesentlichen. „Es ist wirklich traurig“, begann Caro und stützte das Kinn in ihre Hand. „Es gibt tausende großartige Frauen in dieser Stadt. Sie zahlen Steuern, gehen zum Sport, reisen viel und geben ohne zu zögern ein Vermögen für Schuhe aus…“ „… und sie sind allein“, ergänzte Lara trocken. „Stimmt. Wie kann es so viele fabelhafte Frauen geben und so gar keine fabelhaften Männer?“ fragte Jasmin. Pia hob ihr Glas. „Ich wäre inzwischen mit irgendwem zufrieden. Seit der Trennung sind drei Monate vergangen. Früher hatte ich keine Lust auf Sex, jetzt weiß ich: Ich hatte nur keine Lust auf Sex mit meinem Mann.“ Gelächter. „Ich könnte aktuell sogar den Briefträger bespringen“, fügte sie nach einem Schluck Wein hinzu. Ich hob die Hand. „Bitte nicht meinen. Der bringt mir immerhin meine Pakete.“ Lara wurde sofort hellhörig. „Sieht der gut aus?“ „Durchschnittlich. Und ich dachte sogar schon: Vielleicht sollte ich mal mit einem kleinen, dicken, langweiligen Mann ausgehen. Vielleicht ist der wenigstens treu.“ Caro schüttelte den Kopf. „Hab ich ausprobiert. Kein Unterschied. Genauso egoistisch.“ „Gut zu wissen. Dann kann ich mir die Mühe sparen, meine Dating Kriterien nach unten zu korrigieren.“ Wir schwiegen einen Moment. Ernüchterung lag in der Luft. Lara stellte ihr Glas ab. „Das Problem ist, dass wir klarkommen.“ „Wir sind keine Tussies“, sagte Jasmin. „Erfolgreiche Frauen haben es schwerer.“ Lara nickte. „Erfolgreiche Frauen haben genau zwei Optionen: verzweifelt suchen oder sagen: Scheiß drauf und Spaß haben.“ Wir sahen sie an. „Spaß durch Sex“, präzisierte sie.
Caro kaute nachdenklich auf einer Möhre. „Männer wollen keine Beziehung. Aber wenn du nur Sex willst, passt es ihnen auch nicht.“ Lara hob eine Augenbraue. „Woher weißt du das?“ Caro grinste und zwinkerte vielsagend. „Das ist übrigens der Grund warum ich jetzt ganz anders an die Sache herangehe“, sagte Lara und nahm einen sehr bedeutungsschweren Schluck Wein. Wir sahen sie sofort an. Bei Lara bedeutete ein solche Aussage fast immer: Mann. „Ich date Manfred, er ist etwas älter.“ „Natürlich“, sagte Caro trocken. „Wie alt ist er?“ Lara zögerte. „Älter.“ „Wie älter?“, fragte ich. „So… fünfzig?“ Sie schüttelte den Kopf. Jasmin riss die Augen auf. „Noch älter?!“ Lara nickte langsam. „Achtundfünfzig.“ Sekundenlang sagte niemand etwas. Ich suchte instinktiv nach einem Defibrillator. Nicht für ihn - für mich. „ACHTUND…“, begann Caro. „FÜNFZIG. ACHT“, beendete Lara und hob warnend den Finger. „Lara!“, japste Jasmin. „Das ist… das ist ja fast Papa-Alter!“ „Er ist nicht mein Papa, er ist mein Date“, sagte Lara trocken. Biene legte den Kopf schief. „Und?“ Caro beugte sich verschwörerisch vor. „Hat er Geld?“ „Nein!“ Lara lachte. „Darum geht’s doch gar nicht.“ „Worum dann?“, fragte ich. Lara lehnte sich zurück, lächelte plötzlich ganz weich und sagte: „Manfred ist einfach von der alten Schule.“ „Oh oh“, murmelte Caro. „Er hält Türen auf. Er bringt Blumen mit. Er fragt, ob ich gut nach Hause gekommen bin. Er ruft an. Er RUFT AN!“ „Er telefoniert?“, fragte Jasmin ehrfürchtig. „Ja! Und er sagt Sachen wie: ‚Ich hole dich um sieben ab‘ und dann steht er um fünf vor sieben vor der Tür.“ Caro starrte sie an. „Das ist ja Science Fiction.“ Lara nickte glücklich. „Ich bin völlig begeistert.“ Pia meldete sich wieder zu Wort. „Ich habe versucht, meine Ehe mit Sex zu retten. Unser letzter Versuch endete im Krankenhaus.“ Sofort waren alle still. „Wir haben eine Sauna im Keller. Noch nie benutzt wegen der Kinder.“ Wir alle nickten verstehend. „Und dann, weil ja unsere Ehe den Bach herunter geht, bietet sich meine Schwiegermutter an, die Kinder zu nehmen, damit wir mal ganz ungestört sind.“ „Oho“, sagten Lara und ich gleichzeitig. „Nix mit Oho. Mein Mann hatte schon ordentlich eingeheizt, während ich die Getränke kalt gestellt hatte. Sekt, Knutschen, nackte Körper, Teenie-Gefühl.“ Sie machte eine dramatische Pause. Wir hingen an ihren Lippen. „Ich lasse mich auf die Bank sinken, schreie los, springe auf und verpasse meinem Mann eine Kopfnuss.“ Fragende Blicke ringsherum. „Es war nämlich nicht die Bank. Es war der Ofen.“
Stille. Ich presste mir die Hand vor den Mund. Mein Hintern tat beim Zuhören weh. „Die halbe Haut von meinem Allerwertesten klebte an den Steinen“, präzisierte Pia. „Oh nein“, flüsterte Caro. „Wir also sofort im Krankenhaus angerufen, aber wir sollten selbst dorthin kommen.“ Wir Mädels waren total baff. Jede von uns hatte mindestens eine Olive oder zumindest ein Stück Käse im Mund stecken und mussten es erst mit einem Schluck Wein herunterspülen. Oder spülten wir die Erzählung von Britt herunter? „Dann die Fahrt ins Krankenhaus. Ich lag rückwärts auf dem Beifahrersitz mit einer Packung Tiefkühlerbsen auf dem Hintern. Ich kralle mich an der Lehne des Sitzes fest und drohe meinen Mann den Tod an, wenn er jetzt wagt zu bremsen.“ Wir schwankten zwischen Mitgefühl und Lachen. „Mein Göttergatte, angebliches Objekt meiner Begierde, fuhr mich, bzw. meinen verbrannten Arsch, schweißnass ins nächstgelegene Krankenhaus. Es war der erniedrigenste Moment meines Lebens… bis dahin.“ Da war es vorbei mit unserer Kontenance. Wir brachen in schallendes Gelächter aus. „Begrüßt wurde ich mit: Ah, der Saunaunfall. Was gibt es wohl jämmerlicheres, als das?“ fragte Pia jetzt Beifall heischend in die Runde. „Schätzchen, diesen Wettbewerb hast du eindeutig gewonnen“, brach Lara unter größtem Gelächter hervor. Genau in diesem Moment klingelte mein Handy. Mein Herz setzte aus. Ich spürte, wie sich Panik und Hoffnung ineinander verhakten wie zwei betrunkene Tänzer. Big Ben stand auf dem Display. Ich sprang auf und flüchtete in den Flur, wie eine Frau, die gerade beim Fremdgehen erwischt wurde. „Hi“, flötete ich. „Hallo schöne Frau. Wo störe ich?“ Ich schmolz. Ich war emotional gesehen ein Schokohase im Hochsommer. „Beim Weiberabend.“ „Ich wollte hören, wie es dir geht.“ „Gut. Der Abend war sehr schön.“ „Ich frage mich, ob du dich noch an alles erinnerst.“ Ich grinste. „Natürlich erinnere ich mich.“ „Schade.“ „Wieso?“ „Wenn du es vergessen hättest, wäre ich im Vorteil. Ich weiß nämlich noch genau, wie es war und würde es gern wiederholen.“ Mir wurde heiß. „Ja. Ich auch.“ „Ich melde mich wieder.“ Er legte auf. Zurück im Wohnzimmer erwarteten mich neugierige Gesichter. Einzig Lara seufzte erbost, nachdem ich berichtet hatte. „Schätzchen, der spielt mit dir.“ Ich ließ mich aufs Sofa fallen wie ein nasser Sack voller Gefühle. „Wieso?“ „Na, weil er die Kontrolle hat.“ „Verstehe ich nicht“, gab ich Dummchen ehrlich zu. Kontrolle? Ich hatte das Gefühl, ich hätte nicht mal die Kontrolle über meine eigene Atmung. Ich war völlig über
überrumpelt von diesem Mann, von diesem Gefühl, von mir selbst. „Schätzchen, das liegt doch auf der Hand. Er ruft dich wieder an, das heißt, du sollst ihn nicht anrufen.“ Konnte sie Recht haben? Vielleicht gab es Frauen, die diese Spielchen verstanden. Ich gehörte offensichtlich nicht dazu. Aber Lara hatte schon recht. Ich überlegte. Warum hat er nicht direkt das nächste Date vorgeschlagen? Und plötzlich war da diese Angst, die ich so gut kannte: Bitte nicht wieder. Bitte nicht noch einmal. Ich blickte in die Runde und sagte zu den Mädels: „Er wird mir das Herz brechen.“ Das erste Mal Freitagabend. Endlich Wochenende. Ich hätte mich ohnehin nicht auf die Arbeit konzentrieren können. Alle paar Minuten starrte ich auf mein Handy, als könnte ich es durch pure Willenskraft zum Klingeln bringen. Zum Glück hatte ich genug Ablenkung: Max musste ins Gymnasium, Moritz in die Grundschule. Moritz hatte gerade eine schwierige Phase, Beurteilungen standen an, seine Zukunft wurde entschieden. Max ließ ebenfalls nach. Ich fragte mich ständig, ob ich schuld war. Zu wenig Hausaufgabenkontrolle, zu viel Arbeit am Laptop. Ich war eine gute Mutter. Wirklich. Aber beim Thema Schule fühlte ich mich wie eine Hochstaplerin im Elternabend-Kostüm. „Was wollt ihr essen?“ fragte ich dennoch gutgelaunt. „Nudeln!“ „Okay. Ich koche. Ihr räumt das Spielzimmer auf.“ Das Telefon klingelte. „Hi“, ertönte seine Stimme. Mein Herz stolperte. „Hi.“ „Ich bin in der Stadt. Hast du Zeit? Kann ich vorbeikommen?“ Mein Kopf explodierte. Klar hatte ich Zeit. Aber konnte er vorbeikommen? Jetzt sofort entscheiden? Ohne meine Freundinnen zu konsultieren? Ich überlegte angestrengt. Die Jungs konnten zu Oma und Opa. Die wollten sie sowieso sehen. Die Wohnung war halbwegs aufgeräumt. Und Nudeln brauchte ich dann auch nicht kochen. „Klar“, sagte ich.
Dann bekam ich Panik. Was, wenn meine Eltern heute keine Zeit hatten? „Warte. Ich muss noch etwas klären. Eigentlich habe ich eine Verabredung.“ Stille. „Soll ich später anrufen?“ „Gib mir zehn Minuten.“ Ich sprintete durch die Wohnung. Küche: okay. Wohnzimmer: okay. Schlafzimmer: okay. Bad: Katastrophe. Dusche. Rasur. Aufräumen. Putzen. Noch mehr Panik. Ich dachte ich sei entspannt und dann putzte ich mein Bad, als käme gleich das Gesundheitsamt. Die Jungs verschwanden glücklich zu den Großeltern. Ich sprang unter die Dusche. Das Telefon klingelte erneut. „Und?“ „Komm vorbei.“ „Ich stehe schon vor deiner Tür.“ „Noch mal um den Block!“ Er lachte. Ich war nackt, nass und emotional ungefähr so stabil wie ein Hefeteig. Ich war völlig überfordert, als es klingelte. Stretch-Mini. T-Shirt. Elefanten-Hausschuhe. Perfekt. Schnell zur Tür und öffnen. Er stand im Flur. Riesengroß. Lächelnd. Mit einer Flasche Sekt. Er umarmte mich von hinten, küsste meinen Hals. Gänsehaut. Überall. Im Wohnzimmer setzten wir uns aufs Sofa. Er schenkte ein. Wir stießen an. Ein Schluck. Ein tiefer Blick, dann küsste er mich. Es fühlte sich unvermeidlich an. Richtig. Selbstverständlich. Seine Knöpfe öffneten sich unter meinen Händen. Mein Körper wusste längst, was er wollte. Und dann sah ich es. Eine Kette mit einem Ring um seinen Hals. Ein Ehering. Mein Herz machte einen Bauchklatscher. Mein Verstand winkte mit einer roten Flagge. Mein Körper? Der stellte sich tot. „Ich weiß nicht …“ „Was?“ „Was tun wir hier?“ Er küsste mich erneut. „Du bist verheiratet“, konfrontierte ich ihn also. Er lächelte. „Küssen verheiratete Männer schlechter?“ Es war der dämlichste, egoistischste Spruch, den ich je gehört hatte. Und ich ließ mich trotzdem darauf ein. Bravo, Nina. In diesem Moment wusste ich alles. Er würde mich niemals heiraten. Niemals seine Ehe verlassen. Niemals bei mir bleiben. Und trotzdem blieb ich. Ich blieb, obwohl ich wusste, dass ich verlieren würde. Weil ich mich endlich wieder lebendig fühlte, und das war gefährlicher als jeder Ehering. * „Wie bescheuert bist du eigentlich?!“ Lara sah aus, als wolle sie mich erschlagen. Sie hatte ja Recht. Was hatte ich mir nur dabei gedacht? „Schätzchen, du bist nicht der Typ für eine Geliebte.“ „Ihr versteht das nicht“, sagte ich kleinlaut. „Ich bin total verliebt.“ „Und er wird dir das Herz brechen“, wiederholte Jasmin meine eigenen Worte. Ich nickte. „Er ist verheiratet“, erinnerte mich Caro eindringlich. Ich nickte wieder.
Die Bedienung schenkte uns Kaffee nach. Im Landhaus Walter war der Brunch am Wochenende immer genial. „Hattest du heißen Sex?“ versuchte sich Lara mit der Situation zu arrangieren. Ich nickte ein drittes Mal. Lara lehnte sich zurück. „Okay. Scheiß drauf.“ Erleichterung durchströmte mich. „Nun sag schon“, grinste sie. „Wie war er?“ Ich lächelte. „Unglaublich.“ „Groß?“ „Nicht groß. Nicht klein. Genau richtig.“ Sie starrten mich an. „Ich ging ab wie Schmidts Katze auf Energy-Drink.“ Die Mädels waren sprachlos. Vor allem Jasmin. „Ehrlich?“ Ich nickte nur. Es war wirklich so. „Der Sex war Wahnsinn!“ Ich war gleichzeitig stolz, verwirrt und ein bisschen schockiert über mich selbst. Die Stimmung war kurz euphorisch, bis Jasmin die Realität zurück auf den Tisch legte. „Ich wünschte, ich könnte das sagen. Noah ist so unflexibel. Ich habe ihn vorgestern gesagt, dass ich Probleme habe einen Orgasmus zu kriegen, wenn wir miteinander schlafen.“ Wow, das war für Jasmin wirklich ein gigantischer Fortschritt. Lara verdrehte die Augen: „Warum bist du noch mal mit ihm zusammen?“ „Und, was hat er gesagt?“ war Caro interessiert. „Na ja. Das könne gar nicht sein. Seine Frau würde immer kommen.“ „Das hat er nicht gesagt“, konnte Caro nicht glauben. Jasmin nickte bedrückt. „Schätzchen, du musst endlich handeln“, fand Lara. „Das habe ich. Ich bat ihn, ob er da unten nicht mal ein wenig mehr machen könnte. Wisst ihr, was er gesagt hat?“ Wir blieben stumm, vor allem wie Lara eigentlich etwas anderes gemeint hatte. „Es wäre zu unbequem für ihn. Er würde sich dabei nur unnötig die Hand verdrehen.“ Jetzt waren wir alle sprachlos. Was war das nur für ein selbstverliebter Mistkerl. Wie sollte die arme Jasmin denn jemals mit diesem Neandertaler einen Orgasmus haben, wenn er sich so verweigerte? Nur Lara blieb cool. „Also eines ist mal klar. Seine Frau hat bei der Einstellung garantiert auch kein Happy End.“ Auf dem Rückweg dachte ich noch lange darüber nach. Ich war wirklich erleichtert, dass der Sex mit Big Ben so gut war. Und zum ersten Mal seit langer Zeit dachte ich: Vielleicht lohnte sich Herzschmerz. * Wochenende. Ex-Mann-Zeit. Ich übergab die Kinder vor dem Haus. Er sah mich an. Länger als sonst und mit dem Strahlen in den Augen, das ich aus den besten Jahren unserer Ehe kannte. „Sag mal… neue Frisur?“ „Nein.“ „Neue Creme?“ „Nein.“ Er musterte mich noch einmal. „Du strahlst. So hast du seit Jahren nicht mehr ausgesehen.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Gutes Wetter vielleicht.“ Ich log, und mein Gesicht wusste es. Er nickte langsam.
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